Impulse und Literaturhinweise aus dem Vortrag


Grenzen des Verzeihens


  1. Vorbemerkungen
  2. Nachdenken über Verzeihen
  3. Harmonie und Verzeihen
  4. Selbstvertrauen und Verzeihen
  5. Humanität und Verzeihen
  1. Vorbemerkungen
  2. "Nun sei endlich wieder gut!" "Verzeih ihr halt, so schwierig kann es doch nicht sein!" "Wenn du verzeihen würdest, dann ging es dir besser!"

    Diesen Satz mögen Sie dann und wann schon selbst gehört haben oder auch gesagt haben.

    Es stimmt - dass es mir besser geht, wenn ich verzeihen kann - nur ich kann es weder mir befehlen, noch können diese Kunst die anderen von außen fordern. Der Vortrag ist gedacht als Plädoyer gegen den Anspruch: Man muss verzeihen und ein Plädoyer gegen die Aussage: Für irgend etwas wird es schon gut gewesen sein, dass dir dies oder jenes passiert ist. Für irgend etwas - aber nicht für mich!!! Ich bin nicht irgend etwas, ich bin ein Mensch mit Leib und Seele. Wenn mein Empfinden sich gegen die Forderung "Du musst verzeihen" wehrt oder das Gefühl auftaucht, dass mich niemand versteht, dann ist es ratsam und hilfreich genau hinzuschauen.

    Behalte niemals um des lieben Friedens willen Deine Überzeugungen für dich. (Dag Hammerskjöld)

    Viktor Frankl wurde wegen seiner Menschlichkeit und seiner Fähigkeit zu verzeihen, immer wieder Angriffen und Vorwürfen ausgesetzt. Haddon Klingberg hat in der Biografie "Das Leben wartet auf Dich" Frankls Stellungnahme festgehalten:

    Wäre es den besser, es jedem recht zu machen und lieber nichts zu sagen, was der Rede wert wäre? Soll ich meine tiefsten Überzeugungen verschweigen, nur um oberflächliche Zustimmung zu ernten? Und was ist letztendlich wichtiger - Schein oder Sein? (V. E. Frankl)

    Nicht nur für mich, sondern auch für viele andere ist Viktor Frankl - besonders im Bezug auf das Verzeihen - ein Vorbild. Leider kann man nicht einfach sagen, das mach ich jetzt auch. so bleibt nichts anderes übrig, als über das Verzeihen nachzudenken und nachzufühlen.

  3. Nachdenken über Verzeihen

Wenn wir verzeihen über den Verstand befehlen könnten, dann bräuchten wir jetzt nicht weiter nachdenken. Dann könnten wir dem kalten Wissen, der Überlegenheit und Härte sich selbst und anderen gegenüber, und der immerwährenden Sachlichkeit das Verzeihen übertragen. Doch so ist es nicht.

Die Menschen müssen leiden, um stark zu werden, dacht ich.

Jetzt denk ich, sie müssen Freude haben, um gut zu werden. Wilhelm von Humboldt

Der Gedanke von Humboldt ist es lebens-Wert in ernst zu nehmen.

Kaum etwas wird mehr von Emotionen begleitet, als die Fähigkeit verzeihen zu können und der Appell: "Jetzt bleib doch sachlich!" Woran liegt dies?

Am Grunde der Verletzung liegt eine Verletzung. Es schmerzt - etwas ist verletzt. Etwas, das mir wertvoll war und ist, kann nicht gelebt werden.

"Ich vergebe dir" ist im besten Falle ein Versuch und, selbst wenn gut gemeint, zumeist nichts als ein kurzfristiger Betrug unserer selbst bzw. eine wohlwollende Irreführung anderer. Denn oft versuchen wir zu früh, dem anderen zu "vergeben", in dem wir zu ihm sagen: "Es ist gut", und "Jetzt hör auf damit". Solange uns eine wirkliche Verletzung weh tut und schmerzt, sollten wir nicht so schnell von Vergebung sprechen, weil wir nicht die Kraft haben, es durchzuhalten. Wenn wir dem anderen wirklich zutrauen, dass er Einsicht und guten Willen besitzt, sollten wir eher versuchen, miteinander ins Gespräch zu kommen und einander zu sagen, wie weh etwas getan hat und warum ein unbedachtes Wort, eine Nachlässigkeit, vielleicht auch eine gezielt geplante Grausamkeit, so sehr geschmerzt hat. Solange Wunden nicht geheilt sind, verfügen wir nicht über die Weitherzigkeit, die zur Vergebung nötig ist."(2)

Vielleicht ist Ihnen bei diesem Text von Eugen Drewermann spontan eine Situation eingefallen. Es mag sein, dass dieser Text ein Gefühl von Erleichterung auslöst oder jenen Funken von Verstehen, dass Verzeihen sehr schwierig ist.

Menschen, welche die Meinung vertreten: "Uns hat es auch nicht geschadet" werden mit diesem Text nicht so viel anfangen können. Jene, die das sagen, glauben das auch noch. Wenn jene Menschen ahnen würden, wie griesgrämig und unzufrieden sie aussehen, würden sie sich diese Aussage vielleicht überlegen und einmal nachdenken, ob es ihnen nicht doch geschadet hat.

Der zweifelhafte Trost, man sollte an jene Menschen denken, denen es viel schlechter geht, als einem selbst, ist der Beitrag, den viele für die dritte Welt leisten.

Zum Nachdenken über das Verzeihen ist eines wesentlich - der Wert, der verletzt wurde. Frankl sprach davon, dass wir Sinn erleben, in dem wir Werte verwirklichen.

Sinnfindung ist gerichtet auf jene jeder einzelnen menschlichen Person vorbehaltene oder, besser gesagt, aufgegebene Wertmöglichkeit, die es eben zu erfüllen gilt; gerichtet auf jene Werte, die jeder einzelne Mensch in der Einmaligkeit seiner Existenz und Einzigartigkeit seines Schicksalsraumes zu verwirklichen hat. (3)

Die aufgegebene Wertmöglichkeit ist das eigene Maß. Das eigene Maß hat nichts mit oberflächlichem Egoismus zu tun, sondern mit dem, was mir wert ist gelebt zu werden. Der Egoist kümmert sich um seine eigenen psychischen Gefühlszustände und diese entstehen aus dem nicht gelungenen Selbstbezug. Nichts beglückt einen Menschen mehr, als wenn er Werte leben kann. Vielleicht ist das das tiefste Geschenk, das man sich und anderen machen kann: ich lebe mein Herzensanliegen und das hat nichts mit Egoismus zu tun. Werte zu leben heißt auch nicht "nur" Opfer bringen. Was ich mit dem eigenen Maß meine drückt am besten Hesse aus:

"Man muss jedes Zuviel, jedes Überschreiten des eigenen Maßes büßen,

man darf ungestraft weder im Eigensinn noch im Anpassen zu weit gehen."

3. Harmonie und Verzeihen

Dort wo die Harmonie oder das Harmoniestreben als oberster Wert gelten, wird es ziemlich schwierig andere Werte zu leben. Manchmal ist ein Gewitter - wie in der Natur auch - nötig, um Klarheit zu schaffen, nach der unerträglichen Schwüle.

Hermann Hesse, dessen Herz an der deutschen Sprache hing, schrieb einen gewitterähnlichen Brief an eine Frau, die ihm Gedichte schickte: "Bitten möchte ich Sie mit nicht mehr zu schreiben. Sie haben von mir, meinem Wesen und Glauben nicht die leiseste Ahnung. Und möge Gott, mit dem Sie ja so viel zu tun haben und der auch die herrliche deutsche Sprache der Welt geschenkt hat, Ihnen die schrecklichen Verse verzeihen, mit denen Sie diese Sprache missbrauchen." 4)

Um noch einmal deutlich zu machen, dass es mir beim eigenen Maß nicht um Willkür geht, sondern um einen Wert, leihe ich mir noch einen Text von Dietrich Bonhoeffer über das Qualitätsgefühl. Beim Verzeihen kommt es auf die Qualität dessen an, was verletzt ist.

"Wenn wir nicht den Mut haben, wieder ein echtes Gefühl für menschliche Distanzen aufzurichten und darum persönlich zu kämpfen, dann kommen wir in einer Anarchie menschlicher Werte um. . . . .

Wenn man nicht mehr weiß, was man sich und anderen schuldig ist, wo das Gefühl für menschliche Qualität und die Kraft, Distanz zu halten, erlischt, dort ist das Chaos vor der Tür."(4)

Was wesentlich ist, ist das Unterscheiden lernen. Geht es mir um Harmonie? Oder geht es um etwas, was mir am Herzen liegt?

Gründet mein Maß in der einer Sichtweise des Lebens, der Liebe, der Zuwendung, des Vertrauens, der Achtsamkeit und des Gewissens?

Oder in der Sichtweise der Welt, der Macht, des Geldes und der Überzeugung, es ist gut, dass der Stärkere gewinnt?

Worauf verzichte ich, wenn ich verzeihe?

Auf Besserwisserei, Rechthaberei oder das Festhalten an unumstößlichen Regeln und Prinzipien?

Oder verzichte ich darauf, dass mir das, was für mich wertvoll ist auf einmal nicht mehr wertvoll ist?

Dann verletze ich mich - zur Verletzung, die von außen kam - noch einmal selbst! Am Grunde des Verzeihens liegt eine Verletzung. Solange uns etwas schmerzt, sollten wir nicht von Vergebung sprechen, da wir es nicht durchhalten können." (2)

4) Selbstvertrauen und Verzeihen

Was beim "Verzeihen-müssen" immer angeknabbert wird, ist das Selbstvertrauen. Man vertraut sich nicht zu und glaubt, in die Irre gegangen zu sein. Dass jemand, der immer wieder verletzt, über die Fehler, die er begangen hat, nachdenkt, findet man selten. Deshalb tut der Text von Ulrich Schaffer allen jenen gut, die an ihrem Selbstvertrauen zweifeln:

Du hast das Recht zu zweifeln, zu verzagen, die Fassung zu verlieren. Es ist kein Zeichen von Stärke, immer stark zu sein.

Alle Antworten zu haben heißt meistens, Antworten zu haben, die zu keinen Fragen wirklich passen. (6)

Die verbreiteste und billigste Art der Beschwichtigung ist der Hinweis, dass man sich selbst nicht so wichtig nehmen soll. Für einige trifft dies ja zu - doch selten für jene, die zu solchen Vorträgen kommen und sich für diese Themen interessieren. Diese Menschen suchen vorwiegend bei sich, was sie schon wieder falsch gemacht haben. Sie sollten sich einmal an den Gedanken wagen: "Muss ich mir eigentlich von mir und von anderen alles gefallen lassen?"

 

Wer nie zweifelt und wer sich nicht verunsichern läßt, lebt in einer Burg mit dicken Mauern. Das Leben erreicht ihn nicht, und er erreicht das Leben nicht.

 

"Du hast das Recht, Bilder von dir zu zerstören, mit denen andere dich festhalten und versuchen, dir keine Entwicklung zu erlauben.

Die Zerstörung der Bilder muß nicht mit großem Aufwand geschehen.

Allein dadurch, dass du dir treu bist, werden die Bilder langsam zerfallen.

Du bist mehr als alle Bilder, die man von dir hat.

Du hast das Recht, verwegen zu sein, dich loszulösen von den Regeln,

die dich einem System gefügig machen sollen."(6)

Das, was ein Herzensanliegen ist es wert geschützt zu werden. Gehe achtsam mit den Menschen und Dingen um, die für dich wertvoll sind. Verlange nicht, dass sie allen wertvoll sind und werte sie nicht, ab, wenn sie den anderen nicht soviel bedeuten.

"Du hast das Recht, dich vor Menschen zu schützen, die sich verschlossen haben,

die dich nicht verstehen wollen, die schon meinen, dich zu kennen,

die respektlos mit deiner Meinung umgehen, die dir sagen, was du denken sollst.

Du hast ein Recht, dich abzuwenden,

sie stehen zu lassen, sie nicht mehr einzuladen, ihren Worten kein Gewicht zu geben,

einen Bogen um sie zu machen

und dich nicht immer wieder zu erklären,

als würdest du sie mit ihrer Entscheidung nicht ernst nehmen." (6)

 

5. Humanität und Verzeihen

Humanität - Menschlichkeit und Verzeihen - damit meine ich eben, dass es eine Grenze gibt. Und diese Grenze mag uns von außen völlig unverständlich sein. Dort, wo ich den anderen achte, obwohl ich ihn nicht verstehe, das ist der Lakmustest für Humanität.

Wesentlich um verzeihen zu können ist, dass ich die Verletzung, die ich erlebe, emotional zulassen kann. Dazu gehört:

traurig sein über die Verletzung

die Wut erkennen - den Zorn erleben - (zwischen ausleben und erleben liegen Dimensionen)

den Schmerz zulassen

und einen Menschen finden, der keinen oberflächlichen Trost spendet

Der Trost, der hilft ist einfach - aber unglaublich schwer: "Es ist so!" "Ich versteh dich!" "Es ist schlimm!!" Ohne ABER und ohne Begründungen, die wieder an das Verständnis für den "Täter" appellieren. Irgendwann ist eine Grenze erreicht, die man selbst gegenüber den Eltern ziehen kann. Es ist unmenschlich, wenn immer eine Seite Verständnis haben soll für die Launen der anderen. Es mag alles sein, dass Eltern auch Schlimmes erlebt haben, doch deshalb haben sie noch lange nicht das Recht, ihren Kindern Schlimmes zuzufügen.

Manche Menschen sind mit einem Panzer oder Stacheln ausgestattet oder sind eher gleichgültig dem Leben gegenüber und brauchen diese Anregungen nicht so, weil ihnen Verletzungen nicht unter die Haut gehen.

Was uns nicht umbringt, macht uns härter . . . haben viele gespürt und unter der Härte gelitten. Ich will nicht härter, unnahbarer und noch kälter werden. Ich sehne mich nach Wärme und Geborgenheit und möchte diese auch an jene Menschen weitergeben, denen ich begegne und die ich mag.

Die Grenze des Verzeihens bin ich. ICH als PERSON, ich und meine Würde

"Nur langsam kann man diese Menschen zurückfinden lassen zu der sonst doch so trivialen Wahrheit, dass niemand das Recht hat, Unrecht zu tun, auch der nicht, der Unrecht erlitten hat. ( 7)

"Mensch-sein ist, wie ich selbst es immer wieder bezeichne, zutiefst und zuletzt Verantwortlich-sein. Damit erscheint aber auch schon ausgesagt, daß es mehr ist als bloßes Frei-sein: in der Verantwortlichkeit ist das Wozu der menschlichen Freiheit mitgegeben - das, wozu der Mensch frei ist - wofür oder wogegen er sich entscheidet." (8)

Sinnvolles Verzeihen ist von der Sehnsucht begleitet, verstanden zu werden, geachtet zu werden und respektiert zu werden - auch wenn, wenn ich nicht deine Meinung vertrete.

Was brauche ich zum Verwirklichen dessen, was mir wertvoll ist?

Mut zur Stellungnahme und deren Folgen - einen guten Grund gegen die Angst vor dem Alleinsein - einen Menschen, der mich ohne Wenn und Aber versteht.

Auf die Frage, was gibt mir in meinem Leben Halt - kann nur jede und jeder für sich selbst eine Antwort finden. Diese Antwort wird einmal vom unerschütterlichen Urvertrauen geprägt sein und das andere Mal von einem verzweifelten Misstrauen.

Ich wünsche Ihnen viel Mut beim Antworten . . . Inge Patsch

 

 

Literaturhinweise:

1) Haddon Klingberg, Das Leben wartet auf Dich, Deuticke, Wien
2) Eugen Drewermann, Zeiten der Liebe, Herder Taschenbuch
3) Viktor E. Frankl, Logotherapie und Existenzanalyse, Texte aus sechs Jahrzehnten, Beltz Psychologie Verlags Union
4) Hermann Hesse, Die Antwort bist du selbst, Insel Taschenbuch
5) Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Kaiser Taschenbuch
6) Ullrich Schaffer, Grundrechte
7) Viktor E. Frankl, . . trotzdem Ja zum Leben sagen, dtv Taschenbuch
8) Viktor E. Frankl, Ärztliche Seelsorge, Deuticke Wien


 

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