25 Impulse zum Sinn

September 2021 - September 2022


Viktor E. Frankl 26. März 1905 -  2. September 1997

 

Am 2. September 2022 jährt sich der Todestag von Viktor Frankl zum 25. Mal.

 

Zwischen dem Geburtstag und dem Sterbetag steht auf Grabsteinen ein Gedankenstrich.

"Es kommt nicht darauf an, wie viel Zeit man auf der Erde lebt, sondern wie viel man aus dem Gedankenstrich macht." Dieser Gedanke von Joan Erikson brachte mich auf die Idee aus dem Werk von Viktor Frankl einiges auszuwählen und mit Menschen zu teilen, die an der Existenzanalyse und Logotherapie interessiert sind.

 

Viktor Frankl hat sehr viel aus seinem "Gedankenstrich" gemacht und eine kleine Auswahl davon können Sie im Lauf des kommenden Jahres auf dieser Seite lesen. Ich wähle Gedanken aus, die nicht so bekannt sind und freue mich, wenn mich einige auf dieser "Reise zum persönlichen Sinn" begleiten.

Monatlich werden jeweils zwei Sinnimpulse auf dieser Seite zu lesen sein.


Gedanken von Viktor E. Frankl

Jänner Sinnimpuls Nr. 9

"Wird sich etwas als unbezwinglich erweisen,

wird die Forderung nunmehr sein,

dass der Mensch auch zu diesem Schicksal „stehe“, dass er auch das Unbeeinflussbare,

dem er begegnet, irgendwie bejahe:

dass er etwa dort, wo er etwas nicht mehr ändern, nicht mehr besser machen kann,

sein Kreuz auf sich nehme . . . "

Gesammelte Werke Band 2, Seite 248


Einen Weg, der aufgrund des Schneefalls eisig geworden ist, kann ich nicht ändern. Was ich ändern kann, sind die Schuhe, die ich anziehe.

Die Meinung eines anderen Menschen kann ich auch nicht ändern. Was ich ändern kann, ist meine Bereitschaft anzuerkennen, dass es mehrere „Wahrheitchen“ gibt!

Zuhören und Nachfragen wäre doch eine erfüllbare Forderung an mich selbst. Das bedeutet nicht, dass ich meine Meinung ändern soll, sondern nur, dass mich die Sichtweise des anderen interessiert und ich nachfragen kann, womit er seinen Standpunkt begründet.

 

Im Film „Rat mal wer zum Essen kommt“ gibt es ein Gespräch zwischen Vater und Sohn. 1968 habe ich den Film zum ersten Mal gesehen und es gibt wenig Filmszenen, die mich mehr berührt und gefordert haben als dieses Gespräch. Die Berührung war dieses gute Gefühl, mit 16 Jahren verstanden zu werden, dass ich eigene Wege gehen möchte. Die Forderung tauchte später auf, als meine Kinder eigene Wege gegangen sind.

Die Nachricht, dass Sidney Poitier, der im Film den Sohn spielt, hat mich bewogen, den Film noch einmal anzuschauen.

 

Im Film wirft der Vater dem Sohn vor, dass er ihm etwas schulde und daraufhin folgt diese mutige Entgegnung: „Du sagst, was ich dir schulde. Ich schulde dir gar nichts. Du hast mich in die Welt gesetzt und von diesem Augenblick an schuldest du mir alles, was du mir geben konntest. Du hast kein Besitzrecht an mir. Du weißt nicht was ich denke und was ich fühle und wenn ich mir noch so viel Mühe gebe, es zu erklären, du verstehst es ja doch nicht. Du bist dreißig Jahre älter als ich und glaubst, es müsse alles so bleiben, wie es früher war und nur wenn Eure ganze Generation ins Gras beißt und vom Erdboden verschwindet, werden wir die Bürde los. Verstehst du, ich will diese Bürde los sein.“ Nach diesem Plädoyer für die Freiheit ist im Film erst einmal Stille und wie sich dann das ausdrucksvolle Gesicht von Sidney Poitier verändert, lässt den inneren Kampf deutlich werden, um den es in dieser Szene geht. Dann sagt er: "Du bist mein Vater und ich liebe dich, doch ich muss eine Entscheidung treffen, bei der du mir nicht helfen kannst."

 

Die Meinung eines anderen Menschen mag unbeeinflussbar sein, doch niemand erspart mir meinen inneren Kampf ab, unterschiedliche Standpunkte zu akzeptieren und mir selbst treu zu bleiben.

 

Im NDR gibt es eine Podcast-Reihe, die hörenswert ist. "180° Geschichten gegen den Hass".

Hier ist der Link >>>

 

 

 


Gedanken von Viktor E. Frankl

Jänner Sinnimpuls Nr. 10

"Die Würde kommt dem Menschen nicht auf Grund der Werte zu, die er noch besitzen mag, sondern auf Grund der Werte, die er bereits verwirklicht hat.

Die Würde kann er dann natürlich auch nicht mehr verlieren. Und sie ist es, was uns Respekt vor dem Alter - eben dem Verwirklicht-Haben der Werte! - abverlangt. Nicht uns allen. Nicht einer Jugend, die die Achtung vor dem Alter nicht kennt, nicht zuletzt aus dem Grunde, weil das Alter heute dazu neigt, sich möglichst jung zu gerieren - und solcherart sich lächerlich zu machen."

Der Wille zum Sinn, München 1994, 269

 

Meine Großmutter

an ihrem 100. Geburtstag, 7. Jänner 1998.


Würde, Ehrfucht, Demut, Respekt sind Begriffe, die im Zeitalter von "short message" und Emojis altmodisch und völlig antiquiert klingen. Dabei bin ich überzeugt, dass sich jede Frau und jeder Mann und vor allem jedes Kind danach sehnt, als Mensch gesehen zu werden. Nicht das, was ein Mensch leisten kann oder bereits geleistet hat macht ihn aus, sondern weil er Mensch ist. Würde und Respekt betreffen jenes Geheimnisvolle im Menschen, was nicht messbar ist

Wie schwer fällt es mir manchmal, im anderen noch den Menschen zu sehen, wenn Leistung nur mehr auf das Messbare und Beweisbare reduziert wird und alles, was der Mensch fühlt, belächelt und meistens abgewertet wird.

In drei Monaten werde ich siebzig und oft werde ich gefragt, wann ich mich endlich zur Ruhe setze. Ich habe dieses zur "Ruhe setzen" zu Lebzeiten nie als erstrebenswert betrachtet. Ich schätze mehr jene Lebendigkeit, die mit fröhliche und traurige Zeiten leben kann.