25 Impulse zum Sinn

September 2021 - September 2022


Viktor E. Frankl 26. März 1905 -  2. September 1997

 

Am 2. September 2022 jährt sich der Todestag von Viktor Frankl zum 25. Mal.

 

Zwischen dem Geburtstag und dem Sterbetag steht auf Grabsteinen ein Gedankenstrich.

"Es kommt nicht darauf an, wie viel Zeit man auf der Erde lebt, sondern wie viel man aus dem Gedankenstrich macht." Dieser Gedanke von Joan Erikson brachte mich auf die Idee aus dem Werk von Viktor Frankl einiges auszuwählen und mit Menschen zu teilen, die an der Existenzanalyse und Logotherapie interessiert sind.

 

Viktor Frankl hat sehr viel aus seinem "Gedankenstrich" gemacht und eine kleine Auswahl davon können Sie im Lauf des kommenden Jahres auf dieser Seite lesen. Ich wähle Gedanken aus, die nicht so bekannt sind und freue mich, wenn mich einige auf dieser "Reise zum persönlichen Sinn" begleiten.

Monatlich werden jeweils zwei Sinnimpulse auf dieser Seite zu lesen sein.


Gedanken von Viktor E. Frankl

Dezember Sinnimpuls Nr. 7

"Ganz Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort,

wo er aufgeht in einer Sache,

ganz hingegeben ist eine andere Person.

Und ganz selbst wird er,

wo er sich selbst - vergisst."

Gesammelte Werke Band 5, Seite 54


Was bedeutet das "aufgehen in einer Sache"?

Ich nehme ein praktisches Beispiel. Meine Begeisterung für das Skifahren entstand schon sehr früh, doch aufgrund der finanziellen Situation konnte ich mir erst im Alter von achtzehn Jahren - vom ersten selbstverdienten Geld - eine Skirausrüstung und einen Skikurs leisten. Bekanntlich lernt man im ersten Jahrzehnt des Lebens einige Sportarten leichter - wissen alle, die erst spät schwimmen gelernt haben - und so war der gute Grund, meine Begeisterung und das "Aufgehen in der Sache Skifahren" forderte auch meine Bereitschaft, die Mühe des Lernens, hinfallen und aufstehen und dies viele Male auf mich zu nehmen.

 

Heute erleben wir ein "Aufgehen im eigenen Wohlbefinden". Das ist ein fataler Irrtum, denn je mehr sich Menschen um sich selbst kümmern, umso unzufriedener werden sie. Das ist paradox, entspricht jedoch den tatsächlichen Erfahrungen. Taucht ein Virus auf, das Beschränkungen erforderlich macht, gibt es für einige nur das Dagegen-Sein, da jede äußere Verordnung die persönliche Freiheit = eigenes Wohlbefinden einschränkt. Dabei wird übersehen oder nicht wahrgenommen, wie groß die Belastung ist, der alle Menschen, die in Krankenhäusern und Pflegeheimen arbeiten, ausgesetzt sind.

 

Ganz Mensch werde ich, in dem ich mich "hingebe an eine andere Person". Vorerst bedeutet das nicht sofort tätig zu werden, sondern es ist eine Einladung nachzudenken. Was bedeutet Hingabe? Vorerst die Bereitschaft, sich für die Lebenslage eines anderen Menschen zu interessieren. Aus dem Interesse kann Verständnis und Mitgefühl folgen. Hat jemand nur sein eigenes Wohlbefinden im Blick und ist von seiner Meinung absolut überzeugt, dann kann er kein Verständnis für andere aufbringen. Die eigene Meinung und das persönliche Wohlbefinden wird zum alleinigen Maßstab seiner Entscheidungen. Daher wird ihn kaum eine Erzählung von Menschen berühren oder gar Betroffenheit auslösen. Wer nur an sich denkt, setzt das eigene Mensch-Sein aufs Spiel.

 

Würden Menschen, die derzeit im Gesundheitswesen arbeiten, nur an sich selbst denken, dann wäre der Betrieb längst zusammen gebrochen. Die Großteil arbeitet am Rande der Erschöpfung und "vergisst sich selbst". Selbstvergessenheit, wenn sie mit Erschöpfung auslöst, kann nur begrenzt gelebt werden und ist auch keinesfalls mit Geld abzugelten.

 

Selbstvergessenheit erlebe ich immer dann, wenn ich mich intensiv mit einem Buch befasse, wenn ich über die Vielfalt der Natur staune und betrachte, wie sich die Wolken verziehen und eine Landschaft zeigen, die vom Schnee verzaubert wurde, wenn ich Musik höre und sie mich intensiv berührt, dass ich die Zeit vergesse.

 

Die schönste Selbstvergessenheit entsteht dort, wo das Wohl eines anderen Menschen wichtiger wird als mein momentantes Wohlbefinden. Wo ich mir Zeit nehme für ein Gespräch und von mir nicht mehr verlange, "etwas Gescheites sagen zu müssen", sondern einfach da bin und mein Gegenüber ernst nehme.

Manchmal reicht ein Blick ohne Worte und das tiefe Empfinden, das dieses Erleben auslöst, ist Lebendigkeit und Lebensfreude.