Neuigkeiten und Gedanken


Oktober

"Mit jedem Menschen, der zur Welt kommt, wird ein absolutes Novum ins Sein gesetzt,

denn die geistige Existenz ist unübertragbar, ist nicht fortpflanzbar von den Eltern aufs Kind.

Was allein fortpflanzbar ist sind die Bausteine aber nicht der Baumeister."

Viktor E. Frankl

 

Vor mehr als dreißig Jahren war es dieser Satz, der mich erkennen ließ, dass ich selbst Baumeisterin meines Lebens sein darf und kann. Für mich hat das bedeutet, dass ich nicht mehr in Dankbarkeit gefangen bin, sondern in Freiheit meine Werte leben kann und dadurch von Dankbarkeit erfüllt werde.

Als Kind bringen wir den Grund­wert mit, dass Leben ein Geschenk ist. Dieser elemen­tare Wert kommt nicht von den Eltern, auch nicht von anderen Menschen. Eltern sind nicht die Erschaffer von Leben. Das Leben selbst hat mich gewollt und ich kann mich diesem Sein anvertrauen. Deshalb hat Urvertrauen unmittel­bar mit dem Bewusstwerden zu tun, dass das Leben ein Geschenk ist, eine Kostbarkeit. Wer sich selbst als Kostbarkeit erkannt hat, kann beruhigt sagen: Ich bin da und das ist gut.

Das Fehlen für das Gespür des Grundwertes führt in das Bemühen, alles zu tun um geliebt zu werden. Dann bin ich verstrickt in den Teufelskreis, Leistung zu erbringen, um Anerkennung zu erlangen oder belohnt zu werden oder selbst so viel Geld zu verdienen, dass ich mir alles kaufen kann.

Wenn der Halt in der Anpassung an die Forderungen der Welt besteht, wird der Mensch kaum in sich selbst ruhen können und immer das Gefühl haben: Es ist zu wenig, was ich leiste. Hier wird der Same des Irrglaubens zementiert: Ein Menschen, der anständig lebt und rechtschaffen ist, wird belohnt. Von wem und wofür?

Unglück ist keine Strafe für Schuld und Glück keine Quittung für ein anständig geführtes Leben. Das Leben lässt sich nicht in eine Planung pressen, die wir ihm vorschreiben. Dennoch und trotzdem ist es möglich aus den Steinen, die uns in den Weg gelegt werden etwas Schönes zu bauen.

September

„Ich bin kein Skeptiker, was den Klimawandel angeht.

Er ist die größte Herausforderung unserer Zeit,

unserer Generation, und die Zeit drängt.

Aber was mich sehr skeptisch macht,

das sind die Untergangsszenarien.

Ich bin skeptisch, wenn gesagt wird,

dass wir zutiefst egoistisch oder schlimmer noch, eine Plage seien.

Ich bin skeptisch, wenn uns ein solches Menschenbild als ‚realistisch’ verkauft werden solle.

Und ich bin skeptisch, wenn unser Untergang als unvermeidlich hingestellt wird."

Rutger Bregman, Im Grunde gut

 

Ich lese viel, ich lese gerne und ich lasse mich gerne von anderen inspirieren. Ich kann mich noch immer für vieles begeistern. Doch es ist lange her, dass mich ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite so in seinen Bann gezogen hat und immer wieder sagte ich laut "Ja!"

Rutger Bregman, ein niederländischer Historiker schreibt in seinem neuen Buch viele Geschichten, die Staunen auslösen.

Und noch einmal Rutger Bregman: „Jede gute Tat ist ein Stein in einen Teich, der Wellenringe auslöst, die sich meilenweit um den Stein herum ausbreiten. ‚Wir sehen meist nicht’, erzählt einer der Forscher: ‚wie unsere Großzügigkeit, vermittelt über ein soziales Netzwerk, das Leben Dutzender oder vielleicht sogar Hunderter anderer Menschen beeinflusst.’ Freundlichkeit ist ansteckend wie die Pest.“

Ich wünsche mir, dass dieses Buch viele Menschen lesen und ebenso freudig berührt werden wie ich und das Buch in einer Haltung des "Ja, UND. . . " lesen. Ja, UND was kann ich beitragen, dass mein unmittelbares Umfeld fröhlicher und warmherziger wird.

August

Zum Aufgeben ist es nie zu spät,

also können wir das genauso gut ein anderes Mal tun."

Hans Rosling, Wie ich lernte, die Welt zu verstehen

 

Mit diesem Satz endet die Biografie von Hans Rosling, einem schwedischen Arzt und Professor für internationale Gesundheit. Ein Buch, das mich nicht nur tief berührt hat und mir meine Wissenslücken bewusst gemacht.

Auf Seite 71 gibt es noch einen Gedanken, der ebenso klug und sehr realitätsbezogen ist.

Verändere nur das, was zuerst geändert werden muss.

Alles andere kann warten.

Als ich diesen Gedanken gelesen habe, wurde mir bewusst, dass ich genau diese Haltung über viele Jahre gelebt habe. Finanzielle Belastungen musste ich ändern, also bezahlen. In diesen Jahren wartete vieles und natürlich nicht alles. Ich schreibe dies öffentlich auf meiner Homepage, weil ich anderen sagen möchte, dass es kein großer Verlust ist, auf bestimmte Dinge zu verzichten, wenn man ein großes Wofür hat und der Verzicht, sich auf das Ganze gesehen lohnt.

Ich brauche Menschen, die mich inspirieren und derzeit gibt es eine Fülle an lesenswerten Büchern, die alle in eine ähnliche Richtung gehen: Menschen Mut machen, dass es nicht die idealen Bedingungen sind, die unsere Leben bereichern, sondern die Verantwortung, die man für eine gute Sache übernimmt.

Gute Sachen fordern uns heraus, manchmal überfordern sie uns für einige Zeit, um dann irgendwann etwas zu erleben, wovon man nicht einmal träumen konnte.

Ich wünsche Ihnen viele gelebte Träume und vorher den Mut sie auch zu träumen, um ihnen dann das Leben zu schenken.

 

Juli

Ich habe die Begriffe Arbeitszeit und Freizeit

schlicht aus meinem Wortschatz gestrichen und

durch das Wort Lebenszeit ersetzt."

Götz Werner, Womit ich nie gerechnet habe,

 

Die Herausforderung des Lebens besteht darin, ein gutes Maß zwischen Selbst- und Fremdbestimmung zu finden. Wir brauchen eine Möglichkeit, unsere Autonomie und unsere Individualität zu leben, ohne auf Gemeinschaft verzichten zu müssen. Die Grenze zwischen Herausforderung und Überforderung entdecken wir meistens dann, wenn wir sie bereits überschritten haben. Die Empfehlung, den goldenen Mittelweg zu gehen, ist gut gemeint und vieles, was gut gemeint ist, tut uns nicht gut. Der Mittelweg oder das Mittelmaß trägt die Gefahr der Halbherzigkeit in sich. Halbherzig bedeutet, ich lebe mit angezogener Handbremse. Halbherzigkeit ist das Übel vieler Dinge und sie findet ihren Ausdruck im: „Ja, aber!“ Das Aber nimmt dem Wert die Kraft und liefert uns Ausreden.

Wer Gemeinschaft erleben will, muss sich einbringen, mitgestalten und seinen Teil zum Ganzen leisten. Widmen wir uns doch lieber wenigen intensiven, dafür nachhaltigen Begegnungen, anstatt überall dabei sein zu wollen. Gelungene Beziehungen sind eines vom Kostbarsten in unserem Leben. Die Aufmerksamkeit in kleine Dinge trägt wesentlich zur guten Atmosphäre bei, die zwischen Menschen entstehen kann. Was wir brauchen sind Freunde und die Fähigkeit, Freundschaften zu pflegen und dazu gehört, sich nicht nur dann zu melden, wenn etwas gebraucht wird. Zeitnehmen ist ebenso wichtig wie der Mut zur Ehrlichkeit. Ein Freund oder eine Freundin ist ein Mensch, vor dem man sein Herz ausschütten kann und zu dem man aufrichtig sein darf. Das Erzählen ohne daran zu denken: „Kann ich dies oder jenes sagen?“, löst Vertrauen aus und belebt die Freundschaft.

 

Im alltäglichen Leben vieler wird immer wieder ein Bemühen spürbar: „Vielleicht könnte ich dem anderen helfen, wenn ich verzichte?“ Dieser Verzicht ist menschlich wertvoll und sinnvoll. Dennoch gibt es davon manchmal des Guten zu viel. Wir begegnen häufig einem Zuviel auf der Seite der Selbstliebe, und auf der anderen Seite einem Zuviel im Bereich der Nächstenliebe. Wer die Selbstliebe zu sehr in den Mittelpunkt seines Daseins stellt, wird von der Unzufriedenheit erfasst, und zwar dann, wenn er sich nur mehr um sich selbst dreht. Wer die Nächstenliebe ins Zentrum seines Bemühens stellt entdeckt irgendwann, dass er nicht alle zufriedenstellen kann und überfordert sich.

Die Freunde der Nächstenliebe und die Profis der Selbstliebe werden versuchen das Unbehagen zu beseitigen. Die erste Wahl ist bekanntlich das, was man bereits gut kann und somit machen beide mehr von dem, was sie ohnehin schon perfekt beherrschen. Der eine bemüht sich noch intensiver, seine Mitmenschen zu beglücken und der andere pflegt seine Ichbezogenheit. Da jedes Zuviel in die Irre führt, schreiten beide auf ihrem gewohnten Weg weiter voran und dienen weder dem Leben noch sich selbst. Menschen, welche Nächstenliebe als das Wichtigste sehen und auf Selbstliebe vergessen, überschätzen die eigene Kraft und unterschätzen die Realität, die nicht im Alleingang zu bewältigen ist. Jene, die sich selbst ständig beobachten, verlieren das Interesse am anderen und vor allem das Mitgefühl.

Beziehung ist dann äußerst schwierig.

 

 

„Wären alle Menschen vollkommen, dann wären alle einander gleich,

jeder einzelne durch einen beliebigen Vertreter also ersetzlich.

Gerade aus der Unvollkommenheit des Menschen folgt aber

die Unentbehrlichkeit und Unaustauschbarkeit jedes Einzelnen;

denn der Einzelne ist zwar unvollkommen, aber jeder ist es in seiner Art.“

Viktor E. Frankl

 

Jede und jeder von uns hat Fähigkeiten, um die uns andere beneiden. In diesem Sinne sind manche Gaben, die wir bekommen haben, Gabe und Aufgabe zugleich. Wie schön ist es doch, Menschen zu begegnen, die anders sind wie wir selbst. Sie bereichern uns auf eine ganz besondere Art und Weise. Sie sind ein Geschenk des Leben, das wir uns nicht verdienen müssen.

Juni

„Gott ist der Partner unserer intimsten Selbstgespräche.

Das heißt praktisch: Wann immer wie ganz allein sind mit uns selbst,

wann immer wir in letzter Einsamkeit und in letzter Ehrlichkeit

Zwiesprache halten mit uns selbst, ist es legitim,

den Partner solche Selbstgespräche Gott zu nennen -

ungeachtet dessen, ob wir uns nun für atheistisch oder gläubig halten.

Viktor E. Frankl, Der unbewusste Gott

 

Nun hat die Auszeit von meinem gewohnten beruflichen Alltag fast drei Monate gedauert. Für mich war das eine gute Zeit mit einer Menge an Selbstgesprächen. Dabei habe ich wahrgenommen, dass meine Tagträume häufiger geworden sind. Ich habe mich einige Male dabei "erwischt", beim Fenster hinauszuschauen oder im Wohnzimmer zusitzen, Musik zu hören oder gar nichts zu tun. Ziemlich schnell kam der Gedanke daher, dass ich doch "etwas tun sollte". Diesen Zensurgedanken zu stoppen war gar nicht so einfach. Doch je öfter ich ihm das Mitspracherecht verweigerte, um so seltener tauchte er auf. 

Als ich entdeckte, wie sehr dies Art von "heiligem Nichttun" (Martin Schleske) meine Kreativität weckt, verstummte mein innerer Zensor. Ich erlebte nicht nur das Glücksgefühl, viel Zeit zu haben, sondern mir wurde klar, das Beste im Leben hat keine Zwecke, kein "um zu". Selbstgespräche zu führen hat keinen Zweck, doch  für mich ist dies sehr sinnvoll. Pausen einzulegen sind nicht dazu da, um anschließend schneller arbeiten zu können, sondern um Pause zu machen und nicht schon wieder zu denken: Wofür ist die Pause nützlich?

Auszeiten, die wir uns gönnen, friedliches Beisammensein von Menschen, feiern und Musik hören sind wunderbare Erlebnisse.

Ich werde sie in Zukunft nicht mehr als Rechtfertigung "missbrauchen", um dann wieder arbeiten zu können. Diesem "heilige Nichttun" Räume öffnen, das war für mich die erkenntnisreiche Lehre der Corona-Zeit.

 

Mai

„Stress ist der Preis, den wir für den Überfluss zahlen -

ein Überfluss, der am Ende doch nicht mehr bedeutet

als eine Flut von Wahlmöglichkeiten, die immer mehr an Bedeutung verlieren."

Robert Wolff, Das Lächeln der Senoi, Was es bedeutet ein Mensch zu sein

 

Ein Virus hat fast zwei Monate lang viele Wahlmöglichkeiten verhindert. In dieser Zeit habe ich entdeckt, dass mich die terminbefreite Zeit, mit einer Fülle an kreativen Ideen beschenkt hat. Das Bemühen zuerst-muss-ich-das-fertigmachen ist verschwunden. Sobald ich wahrgenommen habe, dass das Schreiben nicht mehr fließt, bin ich in den Garten gegangen und habe gejätet. Als mein Körper meldete, dass es nun genug sei, nahm ich ein Buch und habe gelesen. Als meine Augen müde wurden, habe ich mir einen Podcast oder einen alten Vortrag angehört und viel Neues entdeckt. Gewiss ich lebe in einer wunderbaren Gegend und genieße den Blick ins Grüne sehr.

Das Leben fragt und ich antworte - ein zentraler Satz aus der Logotherapie - wurde nicht nur zur verlässlichen Orientierung in den letzten acht Wochen, sondern zu einem logotherapeutischen Praktikum im Selbstversuch. Ich möchte im Mai diese Art zu leben noch bewusster pflegen und diese andere Lebensart in den Juni mitnehmen. So wie es aussieht dürfen wir im Juni wieder Menschen in Gruppen begegnen. Darauf freue ich mich sehr.

 

Auf meine Gartenmauer habe ich einen Gedanken von Martin Schleske schreiben lassen.

 

Immer wenn ich ihn lese, schenkt er mit ein Lächeln und erinnert mich daran, dass Vertrauen ein Gut ist, dem ich mich erneut und intensiv widmen werde.

Was auf mich, auf uns zukommt, das wissen wir nicht. Doch ich bin gewiss, es gibt einen guten Ausgang. Meine Großmutter hat es mir geschrieben.


Gelernt habe ich effizient und nützlich zu sein

               Gewohnt war ich zu tun was verlangt wird und vielleicht auch anerkannt

Gelernt habe ich zu planen und Termine einzuhalten

               Gewohnt war ich Ziele zu verfolgen

G e a h n t habe ich dass es mehr gibt als nützlich zu sein und Ziele zu verfolgen

JETZT erlebe ich einen kreativen Ideenreichtum der nicht an eine Erwartung gebunden ist

JETZT entdecke ich die Kunst der Absichtslosigkeit und das absichtslose Spiel mit dem Leben


April

„Ich hab‘ das feste Vertrauen,

dass uns das Wesentliche geschenkt wird

und dass wir uns darum jetzt keine Sorgen machen sollen!“

Maria von Wedemeyer, in einem Brief an Dietrich Bonhoeffer Oktober 1943

 

Sehr viele Menschen erleben eine Zeit, die ihnen fremd ist. Bisher galt überwiegend die Devise, wenn du arbeitest und fleißig bist, dann kannst du etwas schaffen. Seit zwei Wochen gilt es in einem Bereich von Covid19, dem Corona Virus nicht mehr. Mit Arbeit und Fleiß ist es nicht zu besiegen - derzeit für die größte Anzahl der Menschen nur mit konsequentem Distanzhalten.

Diese Distanz erleben und erleiden manche alleine, andere mit ihrer Familie. Egal wo und wie - einfach ist diese Situation für niemanden. Das gilt es nun anzuerkennen.

 

Trotzdem habe ich derzeit einen erfüllten Tag und einen ausgesprochen ausgefüllten. Ich hab des riesige Glück, dass mein Sohn mit seiner Frau direkt neben mir wohnt. Wir teilen uns das Kochen auf, zwei Tage kocht meine Schwiegertochter und einen Tag koche ich: Wir essen alle zusammen. Das ist wunderbar.

Dazwischen gehe ich durchs Dorf oder in den Wald - natürlich alleine - und die meiste Zeit verbringe ich mit Homeoffice. Mir macht es sehr viel Freude, Menschen mit anderen Dingen als dem Virus zu immunisieren. Ob seelische Gesundheit, dem Virus ein wenig Parole bieten kann, weiß ich nicht - einen Versuch ist es allemal wert.

Deshalb habe ich gemeinsam mit meiner lieben Kollegin Sabine Kindl die Homepage unseres Institutes um einige Seiten ergänzt und auf meiner eigenen Homepage Texte aus der Werkstatt der Lebensfreude zur Verfügung gestellt.

Hier sind einige Links, damit Sie nicht lange suchen müssen.

 


März 2020

"Das Klima zwischen den Menschen ist rauer geworden.

Ich erlebe die gegenaufklärerische Leugnung von Fakten und Evidenz

und die Geringschätzung Experten gegenüber, 

als ließe sich Wahrheit durch subjektives Empfinden

oder willkürliche Festlegungen neu erfinden."

Joachim Gauck, TOLERANZ einfach schwer

 

Wir leben in einem Land, in dem wir die Freiheit haben, das zu sagen, was einem einfällt. Das Recht auf freie Meinungsäußerung gehört zu den Menschenrechten. Das ist ein hoher Wert in unserer Gemeinschaft. Doch was geschieht, wenn freie Meinungsäußerung dazu führt, Menschen nicht nur abzuwerten, sondern auch zu erniedrigen? Was kann jede und jeder von uns beitragen, andere Meinungen zu akzeptieren? "Wenn einem die Frechheit zu nahe tritt, wenn man nicht mehr weiß, was man sich und anderen schuldig ist, dann steht das Chaos vor der Tür.", schrieb Dietrich Bonhoeffer in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in seinem Aufsatz über das Qualitätsgefühl.

Nicht nur ein Virus steht vor der Tür, sondern auch jene Frechheit, die von anderen Toleranz für widerliches und unmenschliches Verhalten fordert. Es gibt eine falsche Toleranz! Diese falsche Toleranz hat vergessen, dass wir nicht für jede Frechheit Verständnis aufbringen müssen, sondern uns zu Wort melden, wenn Kritik niederträchtig und bedrohend wird.

"Wir brauchen keine neuen Programme, wie brauchen eine neue Menschlichkeit," hat Viktor E. Frankl 1946 in einem Vortrag gesagt. Auch heute brauchen wir eine neue Menschlichkeit und den Mut für das Menschsein einzustehen. Dazu gehören Empathie, Mitgefühl, Realitätsbewusstsein und die Pflege von Gemeinschaft. 

Zum Realitätsbewusstsein gehört auch immer wieder die Frage: Woher kommt diese oder jene Information? Bin ich eine Verschwörungsideologie auf dein Leim gegangen und welchen Quellen kann ich vertrauen?

In guten Gesprächen sind unterschiedliche Sichtweisen eine Bereicherung und erweitern unseren Horizont. Laden Sie Menschen zu einer kleinen Gesprächsrunde ein und pflegen Sie ein menschliches Miteinander. Themen gibt es genug. 

 

 

Februar 2020

"Das Wesen richtig verstandener Disziplin ist Respekt.
Respekt vor der Autorität und Respekt für andre,
Respekt vor uns selbst und Respekt vor den Regeln.
Diese Einstellung beginnt zu Hause,
Sie wird an der Schule bekräftigt,
Und sie gilt das ganze Leben. "

Andre Agassi, Open

 

Ich mag Menschen, manche machen es einem nicht immer leicht, sie zu mögen. Ich mag Österreich, ich mag Europa und finde es ausgesprochen traurig, dass England seit heute nicht mehr in der EU ist. Gegen Machtgier und menschliche Dummheit gibt es eigentlich keinen Impfschutz.

Ich mag Hamburg und durfte schön öfter diese Stadt besuchen. Im Jänner hatte ich das erste Mal die Gelegenheit in der "Elphi", in der Elbphilharmonie ein Konzert zu erleben. Das Bauwerk löst nicht nur von außen Staunen aus. Im Inneren kommt man aus dem Staunen nicht heraus, die Vielfalt der Räume, die sich immer wieder neu zeigen und dann der erste Blick in den Konzertsaal löste in mir Staunen und großen Respekt aus. Respekt vor den Menschen, die dieses Bauwerk geplant haben und Respekt vor jenen, die daran gebaut haben.

 

Doch das Staunen über das, was Menschen schaffen können begann am Tag vorher. Über "ZEITREISEN" hatte ich die Möglichkeit die Seemannmission in Hamburg zu besuchen. Als Landratte hatte ich weder eine Ahnung, was Menschen auf den großen Meeren erleben, noch wie auch ich mein gutes Leben jenen verdanke, die monatelang auf See sind. Thies Unger führte uns einen Vormittag durch den Containerhafen in Hamburg und Pause machten wir im Seemannsclub Duckdalben. Die Schilderung der Arbeit von Menschen, welche die Container vom Schiff aufs Land bringen und wieder aufs Schiff war schon unvorstellbar. Hamburg ist der drittgrößte Containerhafen in Europa und hat damit eine Verteilerfunktion der Warenströme. Das klingt ziemlich technisch. Um diese gigantlische Technik zu bewältigen braucht es Menschen. Menschen haben großartige Ideen, wie Malcolm Mc Lean, der 1956 den ersten Container erfand und Menschen haben schaurige Ideen - die sie auch umsetzen - wenn sie ihren Profit im Blick haben. 53 % der Seeleute, die im "Duckdalben" für einige Stunden Heimat finden kommen von den Philippinen. Sie haben auf See keine Möglichkeit mit ihrer Familie Kontakt aufzunehmen. Im "Duckdalben" können sie zuhause anrufen und finden Menschen, die ihnen zuhören, wenn sie vom Grauen erzählen, welches ihnen manchmal im Mittelmeer aufgrund einer misslungenen Flucht begegnet.

Im "Duckdalben" gibt es auch einen Raum der Religionen - acht sind es derzeit. So kann jeder Mensch in seiner Ecke beten, zu seinem Gott ohne Enge von Dogmen und Vorschriften, welche Religion die "richtige" sei.

 

Ich weiß nicht wie viele Menschen, diese Zeilen lesen werden und das ist auch nicht wichtig. Vielleicht ist einer dabei, dessen Interesse ich für die Menschen auf See geweckt habe. Ich habe keine Ahnung wie viele unserer Waren aus Asien kommen, doch ich werde in Zukunft noch bewusster beim Einkauf darauf achten.

 

Eines können wir alle tun - jede und jeder von uns - den Blick bewusst auf das Menschliche richten, auf den Respekt vor uns selbst und vor anderen. In unserem Wohlstand liegt die Gefahr, dass wir gute Dinge als selbstverständlich ansehen. Sie sind es nicht.

Die Elbphilharmonie von außen und von innen.

Ein Containerschiff im Hamburger Hafen und ein Blick in den Raum der Religionen im "Duckdalben"

Jänner 2020

"Nur aus der Entspannung  - also aus Absichtslosigkeit, Lockerheit –

erheben sich Kraft und Spannung.

Das entsprach ihren bisherigen,

meist nur instinktiven Erfahrungen so genau,

dass ihr diese nun bewusst wurden. "

Erika Pluhar, Am Ende des Gartens

 

Absichtslosigkeit beschäftigt mich schon lange. Etwas ohne Absicht tun, bedeutet ja nicht, dass ich kein Interesse habe. Ganz im Gegenteil, ich lese mit großem Interesse ein Buch. Jedoch ohne daran zu denken, wofür ich es "brauchen" könnte. Oder ich widme mich intensiv einem Text, den ich schreibe. Jedoch schreibe ich nicht in der Absicht, wie mus sich schreiben, dass der Inhalt Zuspruch findet.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der das "um zu" ständig gegenwärtig ist. Was hast du davon? Wofür ist dies nützlich?

Am Beginn des Jahres überlege ich, welcher Eigenschaft, ich dieses Jahr widmen könnte. Also kein Gedanke, welche Eigenschaft könnte nützlich sein, sondern eher das Gegenteil: Nutzlos doch schön und sinnvoll. Heuer tauchte die Eigenschaft schon Mitte Dezember auf: die Absichtlosigkeit. Wer immer die Zwecke und die rentable Nützlichkeit im Blick hat, wird selten ihre Schönheit entdecken.

Hätte ich bei meinem Neujahrsspaziergang an den Effekt der Fitness gedacht, hätte ich die Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen nicht entdeckt.

 

Zwischen den Jahren

"Lebendigkeit entsteht, wenn uns eine Bewegung,

eine Begegnung oder eine Berührung überrascht.

Sie lässt sich weder mechanisch erzeugen, noch kann man sie beherrschen.

Um uns lebendig fühlen zu können, müssen wir riskieren Fehler zu machen.

Lebendigkeit ist das Gegenteil von Routine.

Wer sein Leben unter Kontrolle hat, ist tot."

Natalie Knapp, Der unendliche Augenblick

 

Wie Recht sie doch hat, die Natalie Knapp aus Berlin: "Lebendigkeit ist das Gegenteil von Routine." Doch es fordert nicht nur ein anderes Denken, sondern auch den berühmten ersten Schritt, um das Gewohnte zu verlassen. Ja, noch etwas Mut und Vertrauen brauchen wir auch.

Das erste Adventwochenende war für mein Team im Tilo, für die interessierten Menschen im Lehrgang für Logotherapie und für mich alles andere als "gewohnt". Es war das Prüfungswochenende am Endes des zweiten Jahres.

 

Eine Prüfung ist eine Forderung. Ich meine nicht die Prüfungen des Lebens sondern die Prüfungen des Systems.

Das System verlangt eine Prüfung, die man erfüllen soll, man soll das lernen und ausspucken, was bekannt ist und was Prüfer bereits wissen.

Wie sind Prüfungen eigentlich entstanden?

Wer kam auf die Idee, Menschen zu fragen, was er selbst schon weiß?

Bei den messbaren Prüfungen, bei den Fakten und Theorien geht es um etwas, das feststeht.

Eigene Gedanken und Ideen sind nicht gefragt, trotzdem sind sie in jeder und jedem da.

 

Man hielt nur noch das für wahr, was zählbar, messbar oder wägbar war

und leugnete schließlich sogar die Wirklichkeit aller Qualitäten,

weil die eben nicht durch ein quantifizierendes Denken zu erfassen sind.

Schönheit ist nun einmal nicht messbar, dennoch gibt es sie.

Aber ihre Wahrnehmung ist nicht vom Wahrnehmenden zu trennen.Michael Ende, Mehr Phantasie wagen

 

Ich verstehe Prüfung als Auseinandersetzung mit etwas, das mich interessiert, vielleicht fasziniert,

mit einer Theorie, einer Idee – mit etwas, das mich herausfordert, weil es mit mir zu tun hat.

Es ist das Schöpferische, in dem der Mensch seine Lebendigkeit und Kreativität ausdrückt.

 

Ja, wir haben den interessierten Menschen im Lehrgang vertraut und ihnen ihre Freiheit zugemutet und auch zugetraut. Jede und jeder konnte frei wählen, wie er seine Erfahrungen mit den Inhalten der Logotherapie zum Ausdruck bringt, gestaltet und anderen mitteilt.

Wir erlebten ein Miteinander, das im Berührtsein überrascht und über die Vielfalt der kreativen Ideen dankbar staunen lässt.

 

Wir sollten uns selbst, mehr Phantasie und Kreativität zumuten und zutrauen - das Leben hält es aus und unsere Gesellschaft hat Kreativität dringend nötig.

 

Der Mensch möchte sich wieder in einem ganz anderen,

viel größeren Zusammenhang hineingestellt sehen,

aus dem sich der unschätzbare Wert jedes einzelnen Menschen neu ergibt.

Michael Ende, Mehr Phantasie wagen