Neuigkeiten und Gedanken


Jänner 2020

"Nur aus der Entspannung  - also aus Absichtslosigkeit, Lockerheit –

erheben sich Kraft und Spannung.

Das entsprach ihren bisherigen,

meist nur instinktiven Erfahrungen so genau,

dass ihr diese nun bewusst wurden. "

Erika Pluhar, Am Ende des Gartens

 

Absichtslosigkeit beschäftigt mich schon lange. Etwas ohne Absicht tun, bedeutet ja nicht, dass ich kein Interesse habe. Ganz im Gegenteil, ich lese mit großem Interesse ein Buch. Jedoch ohne daran zu denken, wofür ich es "brauchen" könnte. Oder ich widme mich intensiv einem Text, den ich schreibe. Jedoch schreibe ich nicht in der Absicht, wie mus sich schreiben, dass der Inhalt Zuspruch findet.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der das "um zu" ständig gegenwärtig ist. Was hast du davon? Wofür ist dies nützlich?

Am Beginn des Jahres überlege ich, welcher Eigenschaft, ich dieses Jahr widmen könnte. Also kein Gedanke, welche Eigenschaft könnte nützlich sein, sondern eher das Gegenteil: Nutzlos doch schön und sinnvoll. Heuer tauchte die Eigenschaft schon Mitte Dezember auf: die Absichtlosigkeit. Wer immer die Zwecke und die rentable Nützlichkeit im Blick hat, wird selten ihre Schönheit entdecken.

Hätte ich bei meinem Neujahrsspaziergang an den Effekt der Fitness gedacht, hätte ich die Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen nicht entdeckt.

 

Zwischen den Jahren

"Lebendigkeit entsteht, wenn uns eine Bewegung,

eine Begegnung oder eine Berührung überrascht.

Sie lässt sich weder mechanisch erzeugen, noch kann man sie beherrschen.

Um uns lebendig fühlen zu können, müssen wir riskieren Fehler zu machen.

Lebendigkeit ist das Gegenteil von Routine.

Wer sein Leben unter Kontrolle hat, ist tot."

Natalie Knapp, Der unendliche Augenblick

 

Wie Recht sie doch hat, die Natalie Knapp aus Berlin: "Lebendigkeit ist das Gegenteil von Routine." Doch es fordert nicht nur ein anderes Denken, sondern auch den berühmten ersten Schritt, um das Gewohnte zu verlassen. Ja, noch etwas Mut und Vertrauen brauchen wir auch.

Das erste Adventwochenende war für mein Team im Tilo, für die interessierten Menschen im Lehrgang für Logotherapie und für mich alles andere als "gewohnt". Es war das Prüfungswochenende am Endes des zweiten Jahres.

 

Eine Prüfung ist eine Forderung. Ich meine nicht die Prüfungen des Lebens sondern die Prüfungen des Systems.

Das System verlangt eine Prüfung, die man erfüllen soll, man soll das lernen und ausspucken, was bekannt ist und was Prüfer bereits wissen.

Wie sind Prüfungen eigentlich entstanden?

Wer kam auf die Idee, Menschen zu fragen, was er selbst schon weiß?

Bei den messbaren Prüfungen, bei den Fakten und Theorien geht es um etwas, das feststeht.

Eigene Gedanken und Ideen sind nicht gefragt, trotzdem sind sie in jeder und jedem da.

 

Man hielt nur noch das für wahr, was zählbar, messbar oder wägbar war

und leugnete schließlich sogar die Wirklichkeit aller Qualitäten,

weil die eben nicht durch ein quantifizierendes Denken zu erfassen sind.

Schönheit ist nun einmal nicht messbar, dennoch gibt es sie.

Aber ihre Wahrnehmung ist nicht vom Wahrnehmenden zu trennen.Michael Ende, Mehr Phantasie wagen

 

Ich verstehe Prüfung als Auseinandersetzung mit etwas, das mich interessiert, vielleicht fasziniert,

mit einer Theorie, einer Idee – mit etwas, das mich herausfordert, weil es mit mir zu tun hat.

Es ist das Schöpferische, in dem der Mensch seine Lebendigkeit und Kreativität ausdrückt.

 

Ja, wir haben den interessierten Menschen im Lehrgang vertraut und ihnen ihre Freiheit zugemutet und auch zugetraut. Jede und jeder konnte frei wählen, wie er seine Erfahrungen mit den Inhalten der Logotherapie zum Ausdruck bringt, gestaltet und anderen mitteilt.

Wir erlebten ein Miteinander, das im Berührtsein überrascht und über die Vielfalt der kreativen Ideen dankbar staunen lässt.

 

Wir sollten uns selbst, mehr Phantasie und Kreativität zumuten und zutrauen - das Leben hält es aus und unsere Gesellschaft hat Kreativität dringend nötig.

 

Der Mensch möchte sich wieder in einem ganz anderen,

viel größeren Zusammenhang hineingestellt sehen,

aus dem sich der unschätzbare Wert jedes einzelnen Menschen neu ergibt.

Michael Ende, Mehr Phantasie wagen