Neuigkeiten und Gedanken


Jänner 2021

 „Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind,

so machen wir sie schlechter;

wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten,

so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind."

Johann W. v. Goethe

 

Seit vielen Jahren stelle ich das neue Jahr unter eine Art Motto, das ich beleben möchte. Nicht im Sinne eines Vorsatzes, den es zu erfüllen gilt, sondern im Sinne einer Auseinandersetzung mit mir und meinen Charakter-eigenschaften. Wenn man sich drei Jahrzehnte einer Lehre verschrieben hat, die dem Menschen zutraut sinnvoll zu leben, steht man immer in der Gefahr zu meinen, man wüsste es besser. Deshalb gilt mein Motto in diesem Jahr, dem Gedanken von Goethe mehr Gewicht zu verleihen.

In der Logotherapie gibt es die Methode des sokratischen Dialogs. Das Wesentliche beim sokratischen Dialog ist die Haltung, wie ich mit einem Menschen spreche und der Mut zur Ergebnisoffenheit. Das beginnt mit der persönlichen Sicht auf mein Gegenüber.

 

Wie sehe ich den anderen Menschen?

Meine ich, ihm helfen zu müssen?

Meine ich, ihm meine Sichtweise beibringen zu müssen?

Meine ich, zu wissen was für ihn sinnvoll ist?

 

Oder sehe ich ihn in seiner Einmaligkeit und Einzigartigkeit und mit jener liebenswerten Unvollkommenheit – die auch mir eigen ist – und durch die er unaustauschbar bleibt, wie Viktor Frankl dies so wunderbar beschrieben hat.

Im Gespräch, das vom Dialog geprägt ist, geht es um Augenblicke, in denen wir von einer inneren Überzeugung getragen werden und das Leben selbst zu Wort kommt. Die Arbeit des Suchens, aber mit dem Vertrauen des Findens, will Sokrates in Gang bringen.

Wesentlich ist bei diesem Dialog, dass ich nicht alles weiß und nicht, dass ich „nichts“ weiß. Ich weiß, dass ich nicht weiß, bedeutet, dass ich von dir „noch nicht“ so viel weiß und deshalb frage ich nach. „Sokrates weiß die Grenzen, an denen der Beweis aufhört, aber an denen für alles Befragen die Substanz, aus der er lebt, nur in hellerem Leuchten standhält." So schreibt dies Karl Jaspers.

Ludwig Wittgenstein hat dies ähnlich formuliert: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt worden sind.

 

Für Viktor E. Frankl war der sokra­tische Dialog, der Dialog mit dem Leben. Der Dialog ist es, der das Wesen des Menschen ernst nimmt und weder Begründungen noch Argumente verlangt. Im Dialog wird das Evidenz­gefühl spürbar. Evident ist etwas, das ohne Beweise auskommt und trotzdem verständlich und stimmig ist. „Evident ist etwas, das durch unmittelbare Anschauung über­zeugt. Es bedarf keiner langen Argumentation, keiner besonderen Methode, keines Vorwissens und keiner Expertise, um etwas als evident zu erkennen.“ So hat dies sehr treffend Götz Werner, der Begründer von dm (Drogeriemarkt) in seinem Buch "Womit ich nie gerechnet habe" beschrieben.

Diesem persönlichen Evidenzgefühl auf die Spur zu kommen, ihm zu vertrauen und danach zu leben ist eine lohnende Herausforderung. Möge die Übung gelingen.