Dezember 2022

Ein Gott ist der Mensch,

wenn er träumt,

ein Bettler,

wenn er nachdenkt.

Friedrich Hölderlin

 

Wenn ich heute auf meine letzten zwanzig Jahre zurückschaue, dann gleicht das, was ich erlebt habe eher einem Traum.

So wichtig Träume sind, um lebendig zu bleiben, so wesentlich ist es die Realität ernst zu nehmen. „Wir verzweifeln nicht am Leben, sondern an den Vorstellungen, die wir vom Leben haben“, einer der erkenntnisreichen Sätze von Viktor E. Frankl.

Neben meiner Großmutter war seine Sinnlehre wohl das Wertvollste, womit ich die Tiefen­dimension meines Lebens genährt und gestärkt habe. Neben diesen beiden Menschen gibt es eine Fülle von Frauen und Männern, denen ich nie persönlich begegnet bin, die mich durch ihr Sein intensiv inspiriert haben. Da sind die „guten Mächte“, die mich wunderbar umgeben von Dietrich Bonhoeffer, jenes „Vertrauen, das wir Wesentliches geschenkt bekommen“ von Maria von Wedemeyer, die „übliche Kette kleiner Schritte, die von jemanden gelenkt scheinen, auf den wir wenig Einfluss haben“ von Tiziano Terzani und der Wunsch von Václav Havel, man möge „die Freude an der Welt nicht verlieren auch wenn sie ist wie sie ist". Erika Pluhar schildert mit ihrem Jahrhundertlied den Inbegriff von Liebesfähigkeit, sich selbst und anderen gegenüber:

Sollte ich es einmal schaffen

neben dir mich selbst zu achten

ohne mich behaupten zu müssen

dann werde ich dich lieben können

ohne Schatten

 

Das Tiroler Institut für Logotherapie zu gründen war eine Möglichkeit, um der Ausweglosigkeit zu entkommen. Mit fünfzig nach einem Jahr Krankenstand noch eine Anstellung zu finden war aussichtslos. Der Zauber, der in diesem Anfang wohnte, war meine unbeirrbare Begeisterung für die Logotherapie und trotz aller körperlichen Einschränkungen eine unerschüt­terliche Durchhalte-kraft. Wenn es eine Art Grundeinstellung in meinem Leben gibt, dann diese: Gelingen hängt niemals von mir alleine ab. Ich kann mein Bestes geben und trotzdem scheitern.

„In einer Zeit, da alles in Frage gestellt und alles Offizielle misstrauisch beäugt wird, jegliche Autorität an Ansehen eingebüßt hat und sich jedermann dazu berechtigt sieht, sich ohne weiters zu allem ein Urteil zu erlauben, ist es immer mehr in Mode gekommen, die klassische Schulmedizin schlechtzureden und ein Loblieb auf alternative Heilmethoden zu singen.“

Tiziano Terzani hat diesen Text ein seinem Buch "Noch eine Runde auf dem Karussell" geschrieben. Radikale Abhängigkeit von anderen habe ich mehrfach erlebt und ich hätte die letzten zwanzig Jahre ohne schulmedizinische Hilfe wohl kaum bewältigt.

Das Streben nach Autonomie in unserer Zeit halte ich für einen Irrweg. Wir alle brauchen andere Menschen und ich wünsche, dass sie zu rechten Zeit da sind, wenn Sie welche brauchen.

Manchmal genügt ein Mensch!

Lukas Bärfuss, Schweizer Schriftsteller mit einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte, spricht mit Barbara Bleisch in den "Sternstunden der Philosophie" wie man die Fesseln der Herkunft sprengen kann.


November 2022

Was ich mich in allen Dingen fragen muss,

damit mein Leben seine Kraft behalten soll:

Geht es mich etwas an?

UND

Kann ich etwas daran ändern?

Nur wenn ich beide Fragen bejahen kann,

haben sie meine Aufmerksamkeit verdient.

Martin Schleske, in: WerkZeuge, In Resonanz mit Gott

 

Über diese Gedanken von Martin Schleske, dem Geigenbauer denke ich nach seit ich mir im Oktober sein neues Buch gekauft habe. Ich finde diese Fragen äußerst sinnvoll, denn - logotherapeutisch gedacht - sie bringen mich den Fragen meines Lebens näher.

Hie und da tauchen Gedanken an das Älter-Werden auf. Wir sind im vorletzten Monat des Jahres angelangt und irgendwann wird es auch ein vorletztes Monat in meinem Leben geben. Wie gut ist es doch, dass ich das nicht weiß! Dieses Nichtwissen hat jedoch nichts mit Gleichgültigkeit zu tun. Ganz im Gegenteil, ich frage mich, was könnte ich in den nächsten 120 Monaten sinnvolles tun? Falls ich so alt werde, wie meine Mutter, dann bleiben mir genau 120 Monate.

 

Auch für diese Frage, lasse ich mich inspirieren. Diesmal von den Mythen der Naturvölker. Bei manchen gibt es eine dreifache Struktur, welche der Orientierung dient: Da ist einmal der Hüttenbauer, der Feuerhüter und der große Geist. Ich mag diese Art von Wegweiser sehr und im Älter-Werden wird mir bewusst, dass das Hüttenbauen nicht mehr an erster Stelle steht. Die "Hütte" dient sowohl als Metapher für das "Raum des Wofür" als auch für meinen Lebensraum. Um die Mauern und Wände zu wärmen, braucht es nicht nur eine Heizung, sondern auch das "innere Feuer", welches die Seele wärmt. Inspiration kommt nicht nur von einem großen Geist, sondern von vielen.

Zu den großen Geistern, von denen ich mich verstanden fühle, gehören nicht nur Menschen aus meiner Familie, sondern Menschen, denen ich persönlich und in Büchern und Filmen begegnet bin. Es liegt an mir, dieses "innere Feuer" zu hüten. Das bedeutet tägliche Pflege für die Seele, wie Tee trinken und Zähne putzen für den Körper.

Immer wieder gerate ich ins Staunen, wie sehr ich mich von Erkenntnissen anderer Menschen und neuen Ideen inspirieren lasse.

 

Klaus Eckel, Kabarettist aus Österreich, begeistert und inspiriert mich sehr. Ich mag seinen Humor. Vor kurzem habe ich ein Gespräch mit ihm und Rudi Schöller entdeckt. 


Oktober 2022

Ich glaube an die Schönheit eines Blattes
Ich glaube an das unversiegbare Leben
Ich glaube an die Nichtigkeit meiner Zweifel
ich glaube an mein tiefes Unverständnis und an meine Sehnsucht
Ich glaube daran, dass jede Ahnung
von Seligkeit, Schönheit und Glück
wissender ist als unser Wissen.

Erika Pluhar

 

Diesen Text von Erika Pluhar hörte ich zum ersten Mal vor vielen Jahren, in einem Gespräch von Johannes Kaup mit Erika Pluhar. Damals gab es in Ö 1 noch keine Möglichkeit, die Sendung nachzuhören. Mich haben diese Gedanken so berührt, dass ich suchte, wo diese zu finden sind. Mittlerweile habe ich zwei Bücher, in denen dieser Text steht und ich habe auch das Gespräch zum Nachhören. Manche Gedanken sind so bereichernd, dass ich sie immer wieder lese oder höre. Dieses "immer wieder" in etwas Eintauchen, das mich berührt ist eine wunderbare Sache.

Im heurigen Sommer war das "immer wieder" der Attersee. Ich verbrachte dort nicht nur zwei wunderbare Wochen Urlaub, sondern die Sommerwochen gemeinsam mit anderen. Nach der intensiven Arbeit an der Tagung bin ich für drei Tage erneut an den Attersee gefahren. Seit 15 Jahren ist dieser See meine Kraftquelle und schwimmen war viele Jahre der einzige Sport, denn ich schmerzfrei ausüben konnte. Der Hochlecken ist ein Teil des Höllengebirges und beim morgendlichen Schwimmen im See genieße ich es sehr, wenn über dem Berg die Sonne aufgeht. Die Sehnsucht, den Attersee einmal von oben zu sehen, konnte ich mir im September erfüllen. Ich war alleine am Weg und ich weiß, wie lange ich aufwärts gehen kann, damit die Kraft für den Rückweg reicht. Meine Begeisterung stärkte mich sehr und ich habe es tatsächlich auf den Hochlecken geschafft. Beim Abstieg begegnete mir ein junger Mann und er hat mir bei einigen felsige Stellen geholfen. Am Ende sagte er: "Danke Berg, dass du uns heute erlaubt hast, dich zu erleben."

Erika Pluhar hat Recht: Jede Ahnung von Seligkeit, Schönheit und Glück ist wissender als unser Wissen.

In den Sternstunden der Philosophie spricht Thomas Zurbuchen, Wissenschaftsdirektor der NASA, nicht nur über das Universum, sondern über Gott und über die Welt. Mich berührt dieser Mann sehr!


September 2022

Nichts lässt sich aus der Welt schaffen,

was einmal geschehen ist;

kommt nicht alles nur um so mehr darauf an,

dass es in die Welt geschaffen wird?

Viktor E. Frankl

 

Der 2. September 2022 ist auf dem Abreißkalender nur ein Blatt Papier, welches im Papierkorb landet. Für mich war am Freitag, 2. September die Tagung "Und? . . . Trotzdem!!!" zum 25. Todestag von Viktor Frankl viel mehr als derzeit erfassen kann. Was ich erlebt habe, ist noch nicht begreifbar, nicht Wirklichkeit, obwohl ich diesen Tag mit sehr vielen anderen Menschen teilen konnte und auch sie von der Sinnlehre von Viktor Frankl berührt gewesen sind. 

 

Ich bin sehr froh, dass ich diesen Tag vor zwei Jahren geplant habe, den großen Saal im "Haus der Musik" gemietet habe, Erika Pluhar, Barbara Pachl-Eberhart, Anna Ratheiser und Clemens Sedmak eingeladen habe. In den letzten drei Monaten galt meine Aufmerksamkeit und mein - mir zufliegender -  Ideen-reichtum diesem Tag und es waren viele lange Tage, die meistens um fünf Uhr am Morgen begonnen haben.

Ja,Jürgen Klopp (Fußballtrainer) hat mit seinen "4 D" Recht: Disziplin, Durchhaltevermögen, Dankbarkeit und Demut. Besser lässt sich die vergangene Zeit nicht beschreiben.

Disziplin und Durchhaltevermögen für diesen einen Tag sind vergangen und jetzt empfinde ich Dankbarkeit, große Dankbarkeit für diesen 2. September 2022.

Albert Schweitzer beschreibt wunderschön, wie ich diese Dankbarkeit empfinde.

Gutes empfangen Gutes tun
Das Bewahren von Dankbarkeit ist aber noch etwas mehr und etwas Allgemeineres, als dass ich Menschen, die mir einen Dienst geleistet haben, bei Gelegenheit meinerseits helfe. Es besteht darin, dass ich für alles, was ich Gutes empfangen habe, Gutes tue.


August 2022

Was machen Sie?

Nichts.

Ich lasse das Leben auf mich regnen.

Rachel Varnhagen von Ense, 1771 – 1833

Schrifstellerin trat für Frauenrechte ein

 

Ich erlebe einen Sommer der Fülle und der obige Gedanke passt so gut für vieles, was ich derzeit erleben darf. An Menschen zu denken, die mir Orientierung gaben oder mich durch ihr Dasein ermutigt haben, macht mir Freude. Lange Spaziergänge und sehr lange schwimmen tut meinem Körper gut und beflügelt meinen Geist.

An meinen Frühstückstisch hole ich mir in Gedanken Menschen, die mich inspirieren. Die Ruhe am Morgen ist ein Geschenk des Alleine-Lebens. Wie alles im Leben hat auch das Alleinsein zwei Seiten und für diese herausfordernden Zeiten hole ich mir Gesellschaft und die besteht aus Büchern und Gedichten.

 

Die Sommerwoche am Attersee im Juli hatte heuer das Thema: Leuchtturmmenschen, Vorbilder? Trostbilder!

Dabei ging es um Inspiration für eigene Gedanken und um Begegnung mit anderen. Nicolai Hartmann, ein deutscher Philosoph, schrieb in seiner Ethik einen wunderbaren Text:

Es gibt die wunderbaren Menschen, denen wie durch einen geheimen Bann die Herzen zufliegen - oder richtiger vielleicht sagt es das andere Bild: in deren Nähe alle Herzen weit werden. Niemand geht unbeschenkt von ihnen und doch kann keiner sagen, was er empfangen hat. Man fühlt nur, dass sich in solchen Menschen der Sinn des Lebens irgendwie greifbar erfüllt, nach dem man sonst vergeblich sucht. Und man fühlt, wie sich in der bloßen Teilnahme an ihnen etwas von diesem Sinn auf die eigene Person überträgt. Ein Strom von Licht, Glanz, Segen geht auf das eigene Leben über. Aber man fühlt das Mysterium nur, man durchschaut es nicht."

 

Mein Leben wurde reicher durch Menschen, denen ich begegnet bin und ich wurde vom Leben selbst beschenkt. Ich bin fit genug und kann noch arbeiten und die Arbeit macht mir große Freude. In der Vorbereitung für die Tagung zum 25. Todestag von Viktor E. Frankl tauche ich noch einmal intensiv in die Schriften des großen Mannes ein und auch in meine eigene Mitschrift aus der Ausbildung mit Günter Funke. Er hatte die Gabe die Sinnlehre von Viktor E. Frankl so zu vermitteln, dass ich den Mut fasste in Freiheit Verantwortung zu übernehmen und nicht nur das zu tun, was andere vorschreiben.

So entstand auch das Tiroler Institut für Logotherapie und am 9. August 2022 wird es 20 Jahre alt. Auf der Homepage des TILO gibt es dazu einiges zu lesen.


Im August feiert das TILO Geburtstag - 2002 - 2022

In dankbarer Erinnerung an Günter Funke (1948 - 2016) werde ich ab Oktober  Texte aus seinen Vorträgen zur Verfügung stellen.


Juli 2022

"Gefühle allein sind zu wenig als letzte Orientierung.
Es gibt zwei Fehlhaltungen:
das eine ist, dass ich „Meins“ den anderen überstülpe und
das zweite, dass ich mich versuche anzupassen
und jede Anforderung unterwürfig bediene.

Günter Funke

 

In diesem Sommer werden es 20 Jahre seit ich gemeinsam mit Günter Funke das TILO gegründet habe. Der Blick zurück ist ein guter, ein sehr guter. Mit Günter gemeinsam habe ich 2002 begonnen Seminare anzubieten und Tagungen zu veranstalten.

In dankbarer Erinnerung an Günter gibt es diesmal einen Text von ihm aus dem Jahre 1989.

Wider die Tyrannei der Werte
    Vor lauter Fülle an Werten sehe ich das Wesentliche nicht mehr. In diesem Zusam-me¬hang fiel mir dann diese Formulierung wider die „Tyrannei der Werte“ ein, die nicht von mir ist, sondern von dem bekannten Philosophen Nikolai Hartmann. Dann tauchte die kritische Frage auf, ist denn das Thema „Wider die Tyrannei der Werte“ nicht ein Widerspruch in sich selbst? Können wir von einer Tyrannei der Werte sprechen? Oder sind Werte, die tyrannisieren keine Werte mehr?
    Zunächst wollte ich mich auch auf diesen Gedanken einlassen, stellte aber fest, daß ich damit zu schnell den Kopf aus der Schlinge ziehe. Ich blieb dabei Werte können tyrannisieren. Das bedeutet aber nicht, daß wir grundsätzlich von einer negativen Bedeutung der Werte ausgehen. Grundsätzlich sehen wir in der Logotherapie Werte als bedeutungsvoll mit einer positiven Auswirkung. Ich meine, dass Werte etwas Gutes, etwas Positives, etwas Wahrhaftiges beinhalten und daß sich dieses Wahrhaftige bei der Entfaltung des Wertes ausbreitet.
    Denn Werte können niemals, wenn sie denn wirklich zur Erfüllung unseres Daseins beitragen sollen, verordnet werden. Sie können nicht verschrieben werden. Werte, welche in sich selbst die Dynamik entwickeln können, Leben und Dasein zu erfüllen, muss ich mit meinem eigenen Gewissen finden. In dieser zentralen Aussage von Viktor Frankl wird ein unbedingter Zusammenhang zwischen Wertverwirklichung und Lebenssinn deutlich. Wir brauchen diese Werte, diese selbst bejahten, diese selbst gefundenen Werte, wenn unser Leben zu einem Gelingen heranreifen soll und nicht irgendwann im Abgrund der Angst, der Sinnlosigkeit und des Misstrauens landen soll. Aber genau diesen Absturz in die Angst, diesen Absturz in das Misstrauen betreiben die Tyranneien, auch die Tyranneien der Werte.
    Wir brauchen keine Werte, die verordnet werden, sondern eine  Begleitung, die uns ermutigt unseren eigenen Wert zu finden und an unseren Selbstwert zu glauben.
Günter Funke, Päd. Werktagung Salzburg 1989

Juni 2022

"Ganz Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort,

wo er ganz aufgeht in einer Sache,

ganz hingegeben ist an eine andere Person.

Und ganz er selbst wird er,

wo er sich selbst - übersieht und vergisst.“

Viktor E. Frankl

 

Ich liebe diesen Gedanken von Viktor Frankl. Diese Erkenntnis des großen Menschen war und ist für mich Lebenselixier. Meine intensive Leidenschaft für seine Sinnlehre hat nicht nur mein Leben bereichert, seine Logotherapie hat mich als Mensch freier gemacht, ohne die Verantwortungsfreude zu verlieren.

Diese Begeisterung belebt mich so, dass ich die Inhalte der Logotherapie mit anderen teilen möchte. So entstand noch ein Buch - eigentlich ein Büchlein:

Das Wesentliche darin sind Gedanken von Viktor Frankl, die nicht so bekannt sind und die es wert sind, sich damit zu  befassen.

Obwohl es "nur" ein kleines Buch ist, nimmt der Prozess des Schreibens viel Zeit in Anspruch. Es ist weniger die Zeit am Schreibtisch, sondern viel mehr begleiten mich die Gedanken rund um das Buch eine lange Zeit. Besonders beim Wandern tauchen die Ideen auf oder besser sie fliegen mir zu und ich notiere sie sofort, sonst fliegen sie wieder weg.

Gedanken, wer das Buch lesen könnte beschäftigen mich in dieser Zeit kaum. Eigentlich schreibe ich für mich, um Viktor Frankl noch besser zu verstehen.

"Oft habe ich mich in Gedanken bei Viktor Frankl für seine Sinnlehre – die Logotherapie und Existenzanalyse – bedankt. Bei manchen Texten habe ich empfunden, er findet Worte für das, was ich in mir wahrnehme und wofür ich selbst keine Sprache gefunden habe. Im Lesen seiner Bücher und in den Vorträgen meines Lehrers Günter Funke erlebte ich ständige „AHAs“. AHA-Erlebnisse sind Ereignisse im Inneren, in denen man viel Zuspruch zum persönlichen Empfinden erlebt. Meine Freiheit habe ich geahnt, doch ich wusste nicht, wie ich sie leben kann, ohne ständig belehrt zu werden oder anzuecken. Mir war nicht bewusst, dass mich nicht die Regeln der Welt beflügeln, sondern die Kraft, die aus der Tiefe des Lebens kommt."

Aus dem Vorwort


Mai 2022

"Social Media gibt jedem das was er hören will,

dadurch verschwindet die gemeinsame Basis.

Jeder lebt in seiner Blase.

Demokratie lebt aber vom Austausch und vom Respekt guter Argumente,

in der auf das Menschsein nicht vergessen wird."

Corinna Milborn

 

Anlässlich der Tagung des TILO "Dennoch und trotzdem" hielt Corinna Milborn im Oktober 2021 einen phänomenalen, weil aufschlussreichen Vortrag über Wissenswertes rund um das world-wide-web. Nun hat sie die Romy für ihren Einsatz gegen Fake News und für seriösen Journalismus erhalten. Demnächst wird ihr der Axel-Corti-Preis verliehen. Für mich ist dies Teil jenes Rettenden, das wächst, wo Gefahr droht, wie Friedrich Hölderlin, der deutsche Dichter das formuliert hat.

Guter und seriöser Journalismus gehört nicht nur gelesen, sondern auch bezahlt. Wer meint, dass Berichterstattung gratis sein müsste, der hat keine Ahnung davon, welch intensive Arbeit erforderlich ist, um seriös und den Tatsachen entsprechend zu berichten und Artikel zu verfassen.

Derzeit erfahren alle, die es hören wollen, wie die Pressefreiheit in Russland und anderen Ländern von Diktatoren zermalmt wird.

Am 3. Mai veröffentlicht "Reporter ohne Grenzen" am Dienstag, 3. Mai 2022, die Rangliste der Pressefreiheit 2022. Sie spiegelt die Situation von Journa-listinnen, Journalisten und Medien in 180 Ländern und Territorien wider. Wie Nachrichten ohne seriösen Journalismus aussehen, ist auf der Homepage von "Reporter ohne Grenzen" zu sehen. Diktatoren lassen sich liebend gerne mit Kindern und Hunden fotografieren, das galt auch für Hitler.

 

Bleiben Sie kritisch in Bezug auf "schöngefärbte" Bilder und schauen Sie genau hin, wenn Sie sich das nächste Mal über etwas empören, schauen Sie "DAHINTER" und informieren Sie sich!!!

 

Erika Pluhar schreibt in ihrem Buch "Die Stimme erheben": Da wird geglaubt, was in der Zeitung steht und was Facebook uns erklärt, da wird gekauft, was man angeblich besitzen muss, da wird bewundert, was törichter, menschen-verachtender Unsinn ist, da wird getrauert weil irgendwelche Promis sterben,

statt Tod und Leid in nächster Nähe, in Familie und Nachbarschaft zu betrauern."

 

Vor kurzem habe ich meinen 70er gefeiert und habe anstelle von Geschenken gebeten, für "Reporter ohne Grenzen" zu spenden. Der Aufruf von Rubina Möhring, die vor kurzem verstorben ist, hat mich zum Handeln angeregt."Egal welches Land, gleich welche Person an der Regierungsspitze ist, es geht immer darum, kritische Berichterstattung um jeden Preis zu verhindern und die Journalist*innen mundtot zu machen. Es gibt zum Glück noch genügend mutige Journalistinnen und Journalisten, die trotzdem weiterrecherchieren, um der Bevölkerung so die wichtigen, unabhängigen Informationen zukommen zu lassen. Und wir von Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich werden alle Missstände in Bezug auf Pressefreiheit aufzeigen“.


April 2022

Mit der Zeit entwickeln sich neue Ebenen des Sinns,

die weniger allgemein und sehr viel persönlicher sind.

Es ist wichtig, unsere Wunden später noch einmal anzusehen,

um zu sehen, ob darum herum nicht eine andere Art von Sinn gewachsen ist.

Rachel Naomi Remen

 

"Tu weniger als du kannst!" Diesen Titel habe ich für einen Vortrag gewählt, den ich Ende März in Vorarlberg gehalten habe. Das erste "Weniger" betrifft vor allem einen Sinn für das Alltägliche zu entwickeln. Der Alltag fordert von uns allen viel und nicht immer sind wir körperlich und seelisch so fit, dass wir alles bewältigen können, was wir uns vorgenommen haben. Besonders im Älter-Werden ist es wesentlich die - sehr verständlichen - Einschränkungen zu akzeptieren und zu respektieren. Vielleicht wächst auch darum eine Art von Sinn, die man nicht entdecken kann, wenn alles nach Plan läuft.

Das zweite "Weniger" betrifft den Verdacht, den viele Menschen sich selbst gegenüber hegen. Dem Verdacht, man hätte sich zu wenig bemüht oder zu wenig geleistet, sollte man keinen Eintritt in die eigene Seele erlauben. Der Vedacht ist wie eine schwarze Brille, die einen Filter über alles schiebt - auch über das Erfreuliche und ständig schwingt ein Einwand als Verdacht mit. Wer sich ständig selbst verdächtigt ist wie ein Marathonläufer, der sich ständig an der Leistung eines 100-m-Läufers misst und von sich verlangt, nicht nur 100 m, sondern den gesamten Marathon von 42 km in der Zeit der Sprintdistanz zu bewältigen.

Das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren ist eine Herausforderung. Wer sich seinem Leben als Ganzes widmet, der wird entdecken, dass es er viele "Sprints" hingelegt hat und noch mehr "Marathons".

In Zeiten der Unsicherheit tut es gut, sich bestimmten menschlichen Fähigkeiten zu widmen, die weder mit einem schnellen Rezept, noch mit Geld zu erwerben sind.

Für Natalie Knapp, einer wunderbaren Philosophin aus Berlin zählen dazu:

Hoffnung, Vertrauen, Akzeptanz, Liebe und Lebendigkeit.

 

In einem Gespräch mit der ZEIT sprach sie davon - hier ist der Link zu diesem ermutigenden Gespräch und zu einer Ehrlichkeit, die berührend ist.


März 2022

Der Streit zwischen Wahrheit und Politik

hat eine lange und vielfach verschlungene Geschichte,

die durch Moralisieren oder Simplifizieren

weder einfacher noch verständlicher wird.

Hannah Arendt

 

Was in der Ukraine geschieht ist für mich weder vorstellbar noch begreifbar. Ich weiß nicht, von wem der Gedanke stammt: "Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!" Ich habe keine Ahnung, was passieren würde, wenn einige der russischen Soldaten sich weigern würden auf Häuser und Menschen in der Ukraine auf einen Knopf zu drücken, der eine Vernichtungswaffe losschickt? Oder ist dafür auch schon die künstliche Intelligenz zuständig, auch sie wurde von Menschen erschaffen.

Ich bin überzeugt, dass Reinhard Mey Recht hat, wenn er singt:

Alle Soldaten woll'n nach Haus
Sie woll'n die Uniform nicht mehr
Den Stahlhelm und das Schießgewehr
Und auch nicht in den Kampf hinaus
Soldaten woll'n nur eins: sie woll'n nach Haus

 

Obwohl ich nichts an dem Wahnsinn ändern kann, der seit einigen Tagen, 1800 km von meinem Wohnort entfernt, geschieht, bin ich betroffen.  Ich informiere mich lesend - überwiegend in DIE ZEIT, doch Bilder schaue ich mir nicht an. Bei allem Grauen gibt es Hoffnung. Susann Worschech ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Europa Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder und schreibt im Artikel "Putin kennt die Ukraine nicht": "In der ganzen Ukraine entwickelte sich seit 2014 eine Zivilgesellschaft, die der russischen in Sachen Vielfalt, Freiheit und Selbstbewusstsein Lichtjahre voraus ist. Und so verletzlich, krisenhaft und unperfekt die junge ukrainische Demokratie auch sein mag – sie hat sich in vielen Teilen der Gesellschaft verwurzelt. Polizei und Militär, Verwaltung auf nationaler wie auf kommunaler Ebene, Parlament und Räte, Medien, Stadtteil-, Dorf- und Hausgemeinschaften: Sie alle haben in den letzten Jahren Mitsprache und Verhandeln kennengelernt. Der gesellschaftliche Konsens in der Ukraine ist kein autoritärer oder post-sowjetischer mehr, sondern ein europäischer. Diese Errungenschaft wird sich die Ukraine so leicht nicht nehmen lassen."

 

Ich bin überzeugt, dass es niemandem gut tut, wenn er seine Gesprächsthemen auf Themen reduziert, die er nicht ändern kann. Information ist eine gute Sache, doch auch hier gilt - wie für alles - Maß halten.

 

Hier teile ich gerne einige Podcast, die mich inspirieren und auf andere Gedanken bringen.

"Unter Pfarrerstöchtern" Podcast mit Sabine Rückert und Johanna Haberer

Alle sind verrückt nach David nur einer nicht

Das Gespräch zwischen den beiden Schwestern ist hörenswert und sehr aufschlussreich.

Klangreden mit Nikolaus Harnoncourt

Harnoncourts Klangreden

Verschollene Mitschnitte seiner lebhaften Klang-Reden aus den 1970ern sind derzeit im Podcast auf Ö 1 zu hören.  Alice Harnoncourt präsentiert und kommentiert sie.

Servus. Grüezi. Hallo. Alpenpodcast mit Matthias Daum, Florian Gasser, Lenz Jacobson

Den Politikpodcast gibt es wöchentlich, geredet wird über  Politik und Gesellschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Geschichtswissen von Florian Gasser begeistert ebenso wie sein Tiroler Dialekt. Die beiden anderen sind auch gut, aber hie und da freue ich mich sehr, wenn ein Tiroler so viel weiß und viel Humor hat.

Hannah Arendt  im Gespräch mit Günter Gaus.

"Zur Person" Einen Gedanken habe ich mir herausgeschrieben: "Man exponiert sich in der Öffentlichkeit als Person. Wenn man nicht selbst reflektiert, so weiß ich doch, dass in jedem Handeln und Sprechen die Person zum Ausdruck kommt, wie in keiner anderen Tätigkeit. Wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehung, was daraus wird wissen wir nie. Das gilt für alles Handeln, ganz einfach, weil man es nicht wissen kann. Das ist ein Wagnis. Die Wagnis ist nur möglich im Vertrauen auf die Menschen, ins das Menschliche."


Februar 2022

Mehr als das, was gesund wäre, zählt wohl,

was einen Menschen glücklich macht.

Die Kraft, die das kostet und die unweigerlich am Bestand zehrt,

kann das weit größere Elixier sein als jene Schonung, die unbedingt nottäte.

Wer weiß schon wirklich, was Leben verlängert oder verkürzt?

Glück ist, seinen Fähigkeiten gemäß verbraucht zu werden.

Regine Hildebrandt

 

Regine Hildebrandt, eine deutsche Politikern hat mich vor mehr als dreißig Jahren berührt. Ihre Klarheit, die sie manchesmal sehr direkt und manchmal vehement zur Sprache brachte, mochte ich sehr. Sie wäre im letzten Jahr achtzig Jahre geworden, leider ist sie mit sechzig gestorben. Ich schätze Menschen, die zu ihrer Meinung stehen, obwohl sie sich damit unbeliebt machen.

 

Im Gespräch mit Günter Gaus sagte sie: "Was ich jetzt erlebe, dass jeder seine Ideologie hat und das erschreckt. Da werden Positionen eingenommen, zu denen man sich einmal entschlossen hat und im vorhinein feststeht, was man tut. Das finde ich unerträglich."

In dieser Schilderung spricht sie nicht nur etwas an, das ich heute auch wahrnehme, sondern sie erinnert mich an meine Bereitschaft für das einzutreten, was mir am Herzen liegt. Immer wieder lasse ich mich von Menschen inspirieren, die mich ermutigen, zu meinen Entscheidungen zu stehen, auch wenn nicht alle damit einverstanden sind.

Viel zu oft erlebe ich Menschen, die sich - bevor sie sich für etwas entscheiden - mehr mit dem Ergebnis befassen oder an den Effekt denken. Viel zu oft ist die Sorge, man könnte sich zu viel zumuten ein Störfaktor. Ein realistischer Blick auf Möglichkeiten ist eine gute Sache. Doch endloses Abwägen und Zweifeln nimmt dem Wert, für den es sich zu leben lohnt, die Kraft welche der Wert verlangt.

Yehudi Menuhin schreibt in seiner Biografie: "Vielleicht sollte man sich nicht ein Leben lang mit Zweifeln am Wert eines ersten Impulses herumschlagen, sondern ganz einfach intensiv und überzeugt leben, um jeden Preis."

In diesem Sinn ist Regine Hildebrandt für  mich ein Leuchtturmmensch. Sie lebte ihr soziales Engagement und ihre Begeisterung ohne daran zu denken, was Leben verlängert oder verkürzt.

 


Jänner 2022

Wir sollten ein Moratorium auf das Wort Wahrheit ausrufen

und es 5 oder 10 Jahre lang durch das Wort Wahrscheinlichkeit ersetzen.

Pinchas Lapide im Gespräch mit Viktor Frankl, Gesammelte Werke Band 5

 

Ich denk' es wird ein gutes Jahr. Wie wohl tut mir dieser Gedanke, wenn ich ihn für mich denke und ausspreche. Weit weg von allen Prognosen, die niemals jene Wahrheit definieren, die wir demnächst erleben, sondern nur Wahrscheinlichkeiten.

Meine Freude über den Beginn des Neuen Jahres ist eine Tatsache. "Wir können gleichzeitig nur halb sicher und doch aus ganzem Herzen so oder so entscheiden." Dies sagt Viktor Frankl zu Pinchas Lapide und ich mag diesen Gedanken, weil er meinen Mut stärkt, aus dem ganzen Herzen zu leben. Sicherheit gibt es im Leben ohnehin nicht, doch die Zuversicht kann ich leben. Dazu sollte ich das Hauptwort Zuversicht in ein "Tunwort" verwandeln. Zu Substantiven gehe ich eher in Distanz, doch das Verb geht mich an, also: Ich zuversichte! Da bin ich gemeint, da kann ich etwas beitragen und ähnle nicht einer Marionette, die von fremden Händen bewegt wird.

 

Seit vielen Jahren gebe ich dem neuen Jahr ein Thema, eine Überschrift, die ich beleben will. Heuer fiel mir als erstes ein: Lebe so, dass du möglichst oft wahrnimmst, was dich das Leben fragt. Das Leben stellt manchmal sehr überraschende Fragen, die meine Vorstellung stören. Mich diesen Fragen des Lebens zu widmen, das ist eine gute Möglichkeit, die Zuversicht zu nähren.

Ein Gedicht von Andreas Gryphius beschreibt es gut:

 

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen.
Mein sind die Jahre nicht, die etwa mögen kommen.
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in Acht,
so ist der mein, der Zeit und Ewigkeit gemacht.