Neuigkeiten und Gedanken


Mai 2021

"Der Mensch wird ganz durch das Mensch, was er zu seiner Sache macht!"

Viktor E. Frankl

 

Was könnte eine "Sache" sein, die ich zu "meiner" mache? Etwas Wertvolles, das mir am Herzen liegt? Etwas, das mich so begeistert, dass ich gar nicht daran denke, ob das, was ich tue anderen auch gefallen könnte?

Es sind immer Werte, die mir am Herzen liegen denen die ich gerne Zeit und meine Aufmerksamkeit schenke. Da ist meine berufliche Tätigkeit, die mich herausfordert oder der Garten, den ich gerne pflege oder ein Buch, das mich in seinen Bann zieht oder ein Mensch, den ich gerne mag.

Wenn es um einen Wert geht schiele ich nicht nach dem Ergebnis, nach Belohnung und denke nicht ständig an das Ziel, das ich erreichen will.

Der erste Schritt fällt meistens leicht, soferne ich Begeisterung in mir spüre. Der zweite Schritt fordert bereits ein wenig mehr. Er verlangt Disziplin und manchmal Durchhaltevermögen, wenn es nicht so leicht geht, wie angenommen. Bereits der dritte Schritt beschenkt mich. Es ist ein Geschenk des guten Empfindens, das Erleben von Freude über das, was ich bewältigt habe. Den vierten Schritt zähle ich nicht mehr. Da bin ich bereits eingetaucht in das Wesen eines Menschen, in die Landschaft, in die Natur, in die Musik, in ein Buch und ich empfinde auf eigene Weise Teil von all dem zu sein.

Ja, da fühle ich etwas von diesem Mensch-SEIN, das Viktor Frankl meint. Es ist das Empfinden von intensiver Dankbarkeit für das Leben selbst und für die Vielfalt des Wertvollen, das mich umgibt.

 

April 2021

 „Skifahren ist wie tanzen oder fliegen - nur schöner!"

Mikaela Shiffrin

 

Als Kind habe ich mir sehnsüchtig Ski gewünscht. Meiner Familie war dies aus finanziellen Gründen nicht möglich. Statt mit der Klasse die gemeinsame Skiwoche zu erleben, musste ich in die Schule gehen. Mit meinem ersten selbstverdienten habe ich mir Ski gekauft, Skikurs mit 19 besucht und die Leidenschaft für diesen Sport - auch wenn ich damals nicht gut gefahren bin - hat mich nie mehr verlassen.

Ich lernte so gut Ski zu fahren, dass mein Sohn erst mit zehn Jahren schneller war als ich.

Skiurlaube am Arlberg und in Val Thorens - das höchst gelegene Skidorf der Alpen - gehören zu den wunderbaren Erinnerungen in meinem Skifahrerleben.

Die Axamer Lizum wurde von 1978 - 2007 zum liebsten Skigebiet und besonders die Abfahrt vom Axamer Kögele ist in der Nähe von Innsbruck mit nichts vergleichbar. Aufgrund des Handicaps mit meiner Wirbelsäule entschied ich mich aus Vernunftgründen das Skifahren aufzugeben.

Bis zum Jänner 2021 hielt ich das durch, dann sagte mir meine Enkelin Laura (6 Jahre), sie möchte mir unbedingt zeigen, wie gut sie Skifahren kann. Beim Lift zu warten, bis Laura einige Mal herunterfährt wollte ich nicht. Mein Sohn und meine Tochter stellten mir alles, was nötig war zur Verfügung und ich wagte mich noch einmal auf jene Bretter, die tatsächlich eine wunderbare Welt für mich bedeuten. Erstaunlich war, dass keinerlei Zweifel auftauchte. Einen Stemmbogen werde ich wohl zusammenbringen, dachte ich mir. Ich ahnte nicht, wie schnell ich wieder zu meiner alten Form finden würde und mittlerweile bin ich bereits einige Male in der Axamer Lizum, am Elfer im Stubai Ski und am Stubaier Gletscher Ski gefahren.

Der Höhepunkt an begeistertem Staunen über die Schönheit der Natur erlebte ich in der letzten Märzwoche. Erlebniswerte sagen wir in der Logotherapie zu solchen wunderbaren Erfahrungen.

Alleine mit der Natur fuhr ich die Abfahrt von Axamer Kögele - direkt vor meine Haustür - nach Axams.

Besonders lustig fand ich den Schneemann -

vielleicht war es auch eine Schneefrau -

den jemand knapp unter dem Gipfel des Axamer Kögele gebaut hat.

 

Er kann auf Innsbruck schauen -

solange bis er die Wärme nicht mehr aushält oder die Murmeltiere ihn erschrecken.

 

Wir alle leben von den Erfahrungen, die unter die Haut gehen und uns erfreuen. Ich erinnerte mich an das, was Viktor Frankl gesagt hatte, als er klettern wollte, aber Höhenangst hatte. Er fragte sich: "Muss ich mich eigentlich die Angst von mir gefallen lassen? Wer ist stärker? Ich oder der Schweinehund in mir, der sich nicht kletten traut?" Viktor Frankl nahm sich einen Bergführer und brachte es selbst zum Bergführer.

Ich "nahm" mir meine Kinder und sie haben mir geholfen stärker zu sein als meine Bedenken. Manchmal ist es gut nicht vernünftig zu sein.

Es ist wunderbar!!!

März 2021

 „Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter dir, wie der Winter, der eben geht."

Rainer Maria Rilke

 

Wer selbständig ist wird von niemandem in Pension geschickt. Die Versuchung, nicht an das Ende der beruflichen Arbeit zu denken, ist groß allerdings nicht sehr realistisch.

Eine bestimmte Vorstellung vom Leben ist kein guter Grund für ein sinnvolles und vor allem realistisches Wofür. So wichtig Visionen sind, um lebendig zu bleiben, so wesentlich ist es, die Realität ernst zu nehmen. „Wir verzweifeln nicht am Leben, sondern an den Vorstellungen, die wir vom Leben haben“, einer der erkenntnisreichen Sätze von Viktor E. Frankl.

Neben meiner Großmutter war seine Sinnlehre wohl das Wertvollste, womit ich die Tiefen­dimension meines Lebens genährt und gestärkt habe. Neben diesen beiden Menschen gibt es eine Fülle von Frauen und Männern, denen ich nie persönlich begegnet bin, die mich aber durch ihr Sein intensiv inspiriert haben. Da sind die „guten Mächte“, die mich wunderbar umgeben von Dietrich Bonhoeffer, jenes „Vertrauen, dass wir Wesentliches geschenkt bekommen“ von Maria von Wedemeyer, die „übliche Kette kleiner Schritte, die von jemandem  gelenkt zu sein scheinen“ von Tiziano Terzani und der Wunsch von Václav Havel, man möge „die Freude an der Welt nicht verlieren, auch wenn sie ist wie sie ist".

Erika Pluhar ist mir zur guten Freundin geworden. Mit ihrem Jahrhundertlied schildert sie den Inbegriff von Liebesfähigkeit, sich selbst und anderen gegenüber:

Sollte ich es einmal schaffen

neben dir mich selbst zu achten

ohne mich behaupten zu müssen

dann werde ich dich lieben können

ohne Schatten

 

Vor 20 Jahren (nach einem Jahr Krankenstand) ergab sich für mich mit der Gründung des TILO die Möglichkeit, ins Berufsleben zurückzukehren. Der Zauber, der diesem Anfang innewohnte war meine unbeirrbare Begeisterung für die Logotherapie. Trotz aller körperlichen Beschwerden war mir eine Art Unerschüt­terlichkeit geschenkt, die ich nicht erklären kann.

 

Über die Lehren großer Geister theoretisch Bescheid zu wissen ist eine gute Sache. Doch dieses Wissen-Wissen allein ist für den praktischen Alltag zu wenig. Ich brauche ein Menschen-Wissen. Dort wo ich mich von der Lehre und Gedanken anderer verstanden fühle und mich in meinem Denken wiederfinde, belebe ich meine Menschen-Bildung. In den Geschichen und Mythen der Naturvölker gibt es eine dreifache Struktur. Sie unterschei­den zwischen Hüttenbauer, Feuerhüter und großem Geist. Der große Geist ist für mich natürlich Viktor Frankl.

 

An der „Tilo-Hütte“ habe ich viele Jahre alleine gebaut. Bis Sabine Kindl ins Tilo kam und ab März übergebe ich ihr mit Freude die Arbeit an diesem Hüttenbauen. Ich werde mich mehr dem Feuerhüten widmen. Das bedeutet zum Lesen und Schreiben mehr Zeit zu haben.

 

Wenn es eine Art Grundeinstellung in meinem Leben gibt, dann diese: Gelingen hängt niemals von mir alleine ab. Ich kann mein Bestes geben und trotzdem scheitern. Je näher der Termin einer Tagung rückte oder der Beginn einer neuen Ausbildung, um so intensiver wurden meine Gedanken an die guten Mächte – zu ihnen zählt untrennbar Viktor Frankl. Ich könnte diese Gedanken als Gebet bezeichnen, aber nicht als Bittgebet, sondern mehr als Segensgebet mein Vorhaben betreffend.

Wenn ich zurückblicke, dann lag sehr viel Segen auf diesen zwanzig Jahren und dafür bin ich dankbar.

 

Februar 2021

 „Ohne Kenntnis der Vergangenheit verlagern wir viel zu viele Probleme in die Zukunft."

Margarethe von Trotta

 

Die meisten Menschen haben in den letzten Jahrzehnten gelernt, wie man auftauchende Probleme löst und geplante Ziele verfolgt. Die Problematik, die uns alle betrifft - wenn auch auf unterschiedliche Weise - ist die Beschränkung dessen, was für die meisten selbstverständlich geworden ist. Werden die Bedingungen im Außern schwieriger könnten wir für unserer innere Kraft etwas tun. Das sagt oder schreibt sich leicht, ist jedoch eine große Herausforderung. Krisen sind bekanntlich schlechte Lehrmeister. Dies äußert sich auch in diversen Prognosen, was uns alles an Schwierigkeiten bevorsteht. Ich frage mich wem dienen Prognosen, welche die Zukunft in den dunkelsten Farben schildern?

Prognosen verführen und belasten das Jetzt mit noch mehr Problemen. Jetzt bleibt jedem die Möglichkeit das zu tun, was aus seiner Sicht das Beste ist. Im übrigen garantiert keine Prognose, dass das Grauenvolle auch eintreffen wird.

Jede und jeder von uns könnte ebenso gut der Zuversicht und dem Hoffnungsvollen mehr Zeit widmen. Der Begriff Resilienz wurde und wird oft strapaziert. Resilienz bedeutet so viel wie die Stärkung der seelischen Widerstandskraft. Diese brauchen wir vor allem dann, wenn unser Leben nicht nach Plan verläuft. Immer dann, wenn uns Missgeschicke passieren und wir mit Enttäuschungen konfrontiert werden fragt uns das Leben nach dem „Trotzdem“. Viktor E. Frankl hat dies als die Trotzmacht des Geistes bezeichnet.
In der Logotherapie sprechen wir davon, dass jeder Mensch mit einem dreifachen Schicksal konfrontiert werden kann, dem körperlichen, dem seelischen und dem soziologischen. Für die Auseinandersetzung mit diesen Gegebenheiten ist seelische Widerstandskraft sehr sinnvoll. Derzeit erleben wir alle eine Art von soziologischem Schicksal, also ein Verhängnis, das uns alle betrifft und das wir nur sehr begrenzt beeinflussen können.

Die Fragen, welche das Leben stellt fordern uns alle heraus und ich bin weit davon entfernt in diesem Virus einen Sinn zu suchen. Einzig allein in der Gestaltung der verbliebenen Möglichkeiten. Einfach ist die Gratwanderung zwischen Aktivität und Passivität nicht. Doch letzlich lebe ich wesentlich entspannter, wenn ich die Realität akzeptiere - die nicht lustig ist - und mich nicht diesem pausenlosen Druck einer Sinnsuche ausliefere.

Gerne teile ich einige Ideen, die mich inspirieren und stärken:

• Ich suche nach Leuchtturmmenschen, die den Schwierigkeiten des Lebens standgehalten haben
• Ich spüre auf, worüber ich mich freue und wofür ich dankbar bin
• Ich erinnere mich an das, was ich bereits bewältigt habe
• Ich nehme Abschied von der Illusion das richtige Rezept beschützt mich vor den Niederlagen des Lebens
• Ich entdecke, dass nicht die Bedingungen meinem Leben Sinn verleihen, sondern meine Entscheidungen

 

In den "Sternstunden der Philosophie" finde ich immer wieder so genannte Leuchtturmmenschen. Hier ist ein Link zum Gespräch zwischen Barbara Bleisch und Bernhard Schlink: Von Abschied und Neuanfang.


Jänner 2021

 „Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind,

so machen wir sie schlechter;

wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten,

so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind."

Johann W. v. Goethe

 

Seit vielen Jahren stelle ich das neue Jahr unter eine Art Motto, das ich beleben möchte. Nicht im Sinne eines Vorsatzes, den es zu erfüllen gilt, sondern im Sinne einer Auseinandersetzung mit mir und meinen Charakter-eigenschaften. Wenn man sich drei Jahrzehnte einer Lehre verschrieben hat, die dem Menschen zutraut sinnvoll zu leben, steht man immer in der Gefahr zu meinen, man wüsste es besser. Deshalb gilt mein Motto in diesem Jahr, dem Gedanken von Goethe mehr Gewicht zu verleihen.

In der Logotherapie gibt es die Methode des sokratischen Dialogs. Das Wesentliche beim sokratischen Dialog ist die Haltung, wie ich mit einem Menschen spreche und der Mut zur Ergebnisoffenheit. Das beginnt mit der persönlichen Sicht auf mein Gegenüber.

 

Wie sehe ich den anderen Menschen?

Meine ich, ihm helfen zu müssen?

Meine ich, ihm meine Sichtweise beibringen zu müssen?

Meine ich, zu wissen was für ihn sinnvoll ist?

 

Oder sehe ich ihn in seiner Einmaligkeit und Einzigartigkeit und mit jener liebenswerten Unvollkommenheit – die auch mir eigen ist – und durch die er unaustauschbar bleibt, wie Viktor Frankl dies so wunderbar beschrieben hat.

Im Gespräch, das vom Dialog geprägt ist, geht es um Augenblicke, in denen wir von einer inneren Überzeugung getragen werden und das Leben selbst zu Wort kommt. Die Arbeit des Suchens, aber mit dem Vertrauen des Findens, will Sokrates in Gang bringen.

Wesentlich ist bei diesem Dialog, dass ich nicht alles weiß und nicht, dass ich „nichts“ weiß. Ich weiß, dass ich nicht weiß, bedeutet, dass ich von dir „noch nicht“ so viel weiß und deshalb frage ich nach. „Sokrates weiß die Grenzen, an denen der Beweis aufhört, aber an denen für alles Befragen die Substanz, aus der er lebt, nur in hellerem Leuchten standhält." So schreibt dies Karl Jaspers.

Ludwig Wittgenstein hat dies ähnlich formuliert: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt worden sind.

 

Für Viktor E. Frankl war der sokra­tische Dialog, der Dialog mit dem Leben. Der Dialog ist es, der das Wesen des Menschen ernst nimmt und weder Begründungen noch Argumente verlangt. Im Dialog wird das Evidenz­gefühl spürbar. Evident ist etwas, das ohne Beweise auskommt und trotzdem verständlich und stimmig ist. „Evident ist etwas, das durch unmittelbare Anschauung über­zeugt. Es bedarf keiner langen Argumentation, keiner besonderen Methode, keines Vorwissens und keiner Expertise, um etwas als evident zu erkennen.“ So hat dies sehr treffend Götz Werner, der Begründer von dm (Drogeriemarkt) in seinem Buch "Womit ich nie gerechnet habe" beschrieben.

Diesem persönlichen Evidenzgefühl auf die Spur zu kommen, ihm zu vertrauen und danach zu leben ist eine lohnende Herausforderung. Möge die Übung gelingen.