Mai 2022

"Social Media gibt jedem das was er hören will,

dadurch verschwindet die gemeinsame Basis.

Jeder lebt in seiner Blase.

Demokratie lebt aber vom Austausch und vom Respekt guter Argumente,

in der auf das Menschsein nicht vergessen wird."

Corinna Milborn

 

Anlässlich der Tagung des TILO "Dennoch und trotzdem" hielt Corinna Milborn im Oktober 2021 einen phänomenalen, weil aufschlussreichen Vortrag über Wissenswertes rund um das world-wide-web. Nun hat sie die Romy für ihren Einsatz gegen Fake News und für seriösen Journalismus erhalten. Demnächst wird ihr der Axel-Corti-Preis verliehen. Für mich ist dies Teil jenes Rettenden, das wächst, wo Gefahr droht, wie Friedrich Hölderlin, der deutsche Dichter das formuliert hat.

Guter und seriöser Journalismus gehört nicht nur gelesen, sondern auch bezahlt. Wer meint, dass Berichterstattung gratis sein müsste, der hat keine Ahnung davon, welch intensive Arbeit erforderlich ist, um seriös und den Tatsachen entsprechend zu berichten und Artikel zu verfassen.

Derzeit erfahren alle, die es hören wollen, wie die Pressefreiheit in Russland und anderen Ländern von Diktatoren zermalmt wird.

Am 3. Mai veröffentlicht "Reporter ohne Grenzen" am Dienstag, 3. Mai 2022, die Rangliste der Pressefreiheit 2022. Sie spiegelt die Situation von Journa-listinnen, Journalisten und Medien in 180 Ländern und Territorien wider. Wie Nachrichten ohne seriösen Journalismus aussehen, ist auf der Homepage von "Reporter ohne Grenzen" zu sehen. Diktatoren lassen sich liebend gerne mit Kindern und Hunden fotografieren, das galt auch für Hitler.

 

Bleiben Sie kritisch in Bezug auf "schöngefärbte" Bilder und schauen Sie genau hin, wenn Sie sich das nächste Mal über etwas empören, schauen Sie "DAHINTER" und informieren Sie sich!!!

 

Erika Pluhar schreibt in ihrem Buch "Die Stimme erheben": Da wird geglaubt, was in der Zeitung steht und was Facebook uns erklärt, da wird gekauft, was man angeblich besitzen muss, da wird bewundert, was törichter, menschen-verachtender Unsinn ist, da wird getrauert weil irgendwelche Promis sterben,

statt Tod und Leid in nächster Nähe, in Familie und Nachbarschaft zu betrauern."

 

Vor kurzem habe ich meinen 70er gefeiert und habe anstelle von Geschenken gebeten, für "Reporter ohne Grenzen" zu spenden. Der Aufruf von Rubina Möhring, die vor kurzem verstorben ist, hat mich zum Handeln angeregt."Egal welches Land, gleich welche Person an der Regierungsspitze ist, es geht immer darum, kritische Berichterstattung um jeden Preis zu verhindern und die Journalist*innen mundtot zu machen. Es gibt zum Glück noch genügend mutige Journalistinnen und Journalisten, die trotzdem weiterrecherchieren, um der Bevölkerung so die wichtigen, unabhängigen Informationen zukommen zu lassen. Und wir von Reporter ohne Grenzen (RSF) Österreich werden alle Missstände in Bezug auf Pressefreiheit aufzeigen“.


April 2022

Mit der Zeit entwickeln sich neue Ebenen des Sinns,

die weniger allgemein und sehr viel persönlicher sind.

Es ist wichtig, unsere Wunden später noch einmal anzusehen,

um zu sehen, ob darum herum nicht eine andere Art von Sinn gewachsen ist.

Rachel Naomi Remen

 

"Tu weniger als du kannst!" Diesen Titel habe ich für einen Vortrag gewählt, den ich Ende März in Vorarlberg gehalten habe. Das erste "Weniger" betrifft vor allem einen Sinn für das Alltägliche zu entwickeln. Der Alltag fordert von uns allen viel und nicht immer sind wir körperlich und seelisch so fit, dass wir alles bewältigen können, was wir uns vorgenommen haben. Besonders im Älter-Werden ist es wesentlich die - sehr verständlichen - Einschränkungen zu akzeptieren und zu respektieren. Vielleicht wächst auch darum eine Art von Sinn, die man nicht entdecken kann, wenn alles nach Plan läuft.

Das zweite "Weniger" betrifft den Verdacht, den viele Menschen sich selbst gegenüber hegen. Dem Verdacht, man hätte sich zu wenig bemüht oder zu wenig geleistet, sollte man keinen Eintritt in die eigene Seele erlauben. Der Vedacht ist wie eine schwarze Brille, die einen Filter über alles schiebt - auch über das Erfreuliche und ständig schwingt ein Einwand als Verdacht mit. Wer sich ständig selbst verdächtigt ist wie ein Marathonläufer, der sich ständig an der Leistung eines 100-m-Läufers misst und von sich verlangt, nicht nur 100 m, sondern den gesamten Marathon von 42 km in der Zeit der Sprintdistanz zu bewältigen.

Das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren ist eine Herausforderung. Wer sich seinem Leben als Ganzes widmet, der wird entdecken, dass es er viele "Sprints" hingelegt hat und noch mehr "Marathons".

In Zeiten der Unsicherheit tut es gut, sich bestimmten menschlichen Fähigkeiten zu widmen, die weder mit einem schnellen Rezept, noch mit Geld zu erwerben sind.

Für Natalie Knapp, einer wunderbaren Philosophin aus Berlin zählen dazu:

Hoffnung, Vertrauen, Akzeptanz, Liebe und Lebendigkeit.

 

In einem Gespräch mit der ZEIT sprach sie davon - hier ist der Link zu diesem ermutigenden Gespräch und zu einer Ehrlichkeit, die berührend ist.


März 2022

Der Streit zwischen Wahrheit und Politik

hat eine lange und vielfach verschlungene Geschichte,

die durch Moralisieren oder Simplifizieren

weder einfacher noch verständlicher wird.

Hannah Arendt

 

Was in der Ukraine geschieht ist für mich weder vorstellbar noch begreifbar. Ich weiß nicht, von wem der Gedanke stammt: "Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!" Ich habe keine Ahnung, was passieren würde, wenn einige der russischen Soldaten sich weigern würden auf Häuser und Menschen in der Ukraine auf einen Knopf zu drücken, der eine Vernichtungswaffe losschickt? Oder ist dafür auch schon die künstliche Intelligenz zuständig, auch sie wurde von Menschen erschaffen.

Ich bin überzeugt, dass Reinhard Mey Recht hat, wenn er singt:

Alle Soldaten woll'n nach Haus
Sie woll'n die Uniform nicht mehr
Den Stahlhelm und das Schießgewehr
Und auch nicht in den Kampf hinaus
Soldaten woll'n nur eins: sie woll'n nach Haus

 

Obwohl ich nichts an dem Wahnsinn ändern kann, der seit einigen Tagen, 1800 km von meinem Wohnort entfernt, geschieht, bin ich betroffen.  Ich informiere mich lesend - überwiegend in DIE ZEIT, doch Bilder schaue ich mir nicht an. Bei allem Grauen gibt es Hoffnung. Susann Worschech ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Europa Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder und schreibt im Artikel "Putin kennt die Ukraine nicht": "In der ganzen Ukraine entwickelte sich seit 2014 eine Zivilgesellschaft, die der russischen in Sachen Vielfalt, Freiheit und Selbstbewusstsein Lichtjahre voraus ist. Und so verletzlich, krisenhaft und unperfekt die junge ukrainische Demokratie auch sein mag – sie hat sich in vielen Teilen der Gesellschaft verwurzelt. Polizei und Militär, Verwaltung auf nationaler wie auf kommunaler Ebene, Parlament und Räte, Medien, Stadtteil-, Dorf- und Hausgemeinschaften: Sie alle haben in den letzten Jahren Mitsprache und Verhandeln kennengelernt. Der gesellschaftliche Konsens in der Ukraine ist kein autoritärer oder post-sowjetischer mehr, sondern ein europäischer. Diese Errungenschaft wird sich die Ukraine so leicht nicht nehmen lassen."

 

Ich bin überzeugt, dass es niemandem gut tut, wenn er seine Gesprächsthemen auf Themen reduziert, die er nicht ändern kann. Information ist eine gute Sache, doch auch hier gilt - wie für alles - Maß halten.

 

Hier teile ich gerne einige Podcast, die mich inspirieren und auf andere Gedanken bringen.

"Unter Pfarrerstöchtern" Podcast mit Sabine Rückert und Johanna Haberer

Alle sind verrückt nach David nur einer nicht

Das Gespräch zwischen den beiden Schwestern ist hörenswert und sehr aufschlussreich.

Klangreden mit Nikolaus Harnoncourt

Harnoncourts Klangreden

Verschollene Mitschnitte seiner lebhaften Klang-Reden aus den 1970ern sind derzeit im Podcast auf Ö 1 zu hören.  Alice Harnoncourt präsentiert und kommentiert sie.

Servus. Grüezi. Hallo. Alpenpodcast mit Matthias Daum, Florian Gasser, Lenz Jacobson

Den Politikpodcast gibt es wöchentlich, geredet wird über  Politik und Gesellschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Geschichtswissen von Florian Gasser begeistert ebenso wie sein Tiroler Dialekt. Die beiden anderen sind auch gut, aber hie und da freue ich mich sehr, wenn ein Tiroler so viel weiß und viel Humor hat.

Hannah Arendt  im Gespräch mit Günter Gaus.

"Zur Person" Einen Gedanken habe ich mir herausgeschrieben: "Man exponiert sich in der Öffentlichkeit als Person. Wenn man nicht selbst reflektiert, so weiß ich doch, dass in jedem Handeln und Sprechen die Person zum Ausdruck kommt, wie in keiner anderen Tätigkeit. Wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehung, was daraus wird wissen wir nie. Das gilt für alles Handeln, ganz einfach, weil man es nicht wissen kann. Das ist ein Wagnis. Die Wagnis ist nur möglich im Vertrauen auf die Menschen, ins das Menschliche."


Februar 2022

Mehr als das, was gesund wäre, zählt wohl,

was einen Menschen glücklich macht.

Die Kraft, die das kostet und die unweigerlich am Bestand zehrt,

kann das weit größere Elixier sein als jene Schonung, die unbedingt nottäte.

Wer weiß schon wirklich, was Leben verlängert oder verkürzt?

Glück ist, seinen Fähigkeiten gemäß verbraucht zu werden.

Regine Hildebrandt

 

Regine Hildebrandt, eine deutsche Politikern hat mich vor mehr als dreißig Jahren berührt. Ihre Klarheit, die sie manchesmal sehr direkt und manchmal vehement zur Sprache brachte, mochte ich sehr. Sie wäre im letzten Jahr achtzig Jahre geworden, leider ist sie mit sechzig gestorben. Ich schätze Menschen, die zu ihrer Meinung stehen, obwohl sie sich damit unbeliebt machen.

 

Im Gespräch mit Günter Gaus sagte sie: "Was ich jetzt erlebe, dass jeder seine Ideologie hat und das erschreckt. Da werden Positionen eingenommen, zu denen man sich einmal entschlossen hat und im vorhinein feststeht, was man tut. Das finde ich unerträglich."

In dieser Schilderung spricht sie nicht nur etwas an, das ich heute auch wahrnehme, sondern sie erinnert mich an meine Bereitschaft für das einzutreten, was mir am Herzen liegt. Immer wieder lasse ich mich von Menschen inspirieren, die mich ermutigen, zu meinen Entscheidungen zu stehen, auch wenn nicht alle damit einverstanden sind.

Viel zu oft erlebe ich Menschen, die sich - bevor sie sich für etwas entscheiden - mehr mit dem Ergebnis befassen oder an den Effekt denken. Viel zu oft ist die Sorge, man könnte sich zu viel zumuten ein Störfaktor. Ein realistischer Blick auf Möglichkeiten ist eine gute Sache. Doch endloses Abwägen und Zweifeln nimmt dem Wert, für den es sich zu leben lohnt, die Kraft welche der Wert verlangt.

Yehudi Menuhin schreibt in seiner Biografie: "Vielleicht sollte man sich nicht ein Leben lang mit Zweifeln am Wert eines ersten Impulses herumschlagen, sondern ganz einfach intensiv und überzeugt leben, um jeden Preis."

In diesem Sinn ist Regine Hildebrandt für  mich ein Leuchtturmmensch. Sie lebte ihr soziales Engagement und ihre Begeisterung ohne daran zu denken, was Leben verlängert oder verkürzt.

 


Jänner 2022

Wir sollten ein Moratorium auf das Wort Wahrheit ausrufen

und es 5 oder 10 Jahre lang durch das Wort Wahrscheinlichkeit ersetzen.

Pinchas Lapide im Gespräch mit Viktor Frankl, Gesammelte Werke Band 5

 

Ich denk' es wird ein gutes Jahr. Wie wohl tut mir dieser Gedanke, wenn ich ihn für mich denke und ausspreche. Weit weg von allen Prognosen, die niemals jene Wahrheit definieren, die wir demnächst erleben, sondern nur Wahrscheinlichkeiten.

Meine Freude über den Beginn des Neuen Jahres ist eine Tatsache. "Wir können gleichzeitig nur halb sicher und doch aus ganzem Herzen so oder so entscheiden." Dies sagt Viktor Frankl zu Pinchas Lapide und ich mag diesen Gedanken, weil er meinen Mut stärkt, aus dem ganzen Herzen zu leben. Sicherheit gibt es im Leben ohnehin nicht, doch die Zuversicht kann ich leben. Dazu sollte ich das Hauptwort Zuversicht in ein "Tunwort" verwandeln. Zu Substantiven gehe ich eher in Distanz, doch das Verb geht mich an, also: Ich zuversichte! Da bin ich gemeint, da kann ich etwas beitragen und ähnle nicht einer Marionette, die von fremden Händen bewegt wird.

 

Seit vielen Jahren gebe ich dem neuen Jahr ein Thema, eine Überschrift, die ich beleben will. Heuer fiel mir als erstes ein: Lebe so, dass du möglichst oft wahrnimmst, was dich das Leben fragt. Das Leben stellt manchmal sehr überraschende Fragen, die meine Vorstellung stören. Mich diesen Fragen des Lebens zu widmen, das ist eine gute Möglichkeit, die Zuversicht zu nähren.

Ein Gedicht von Andreas Gryphius beschreibt es gut:

 

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen.
Mein sind die Jahre nicht, die etwa mögen kommen.
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in Acht,
so ist der mein, der Zeit und Ewigkeit gemacht.