Neuigkeiten und Gedanken


Februar 2021

 „Ohne Kenntnis der Vergangenheit verlagern wir viel zu viele Probleme in die Zukunft."

Margarethe von Trotta

 

Die meisten Menschen haben in den letzten Jahrzehnten gelernt, wie man auftauchende Probleme löst und geplante Ziele verfolgt. Die Problematik, die uns alle betrifft - wenn auch auf unterschiedliche Weise - ist die Beschränkung dessen, was für die meisten selbstverständlich geworden ist. Werden die Bedingungen im Außern schwieriger könnten wir für unserer innere Kraft etwas tun. Das sagt oder schreibt sich leicht, ist jedoch eine große Herausforderung. Krisen sind bekanntlich schlechte Lehrmeister. Dies äußert sich auch in diversen Prognosen, was uns alles an Schwierigkeiten bevorsteht. Ich frage mich wem dienen Prognosen, welche die Zukunft in den dunkelsten Farben schildern?

Prognosen verführen und belasten das Jetzt mit noch mehr Problemen. Jetzt bleibt jedem die Möglichkeit das zu tun, was aus seiner Sicht das Beste ist. Im übrigen garantiert keine Prognose, dass das Grauenvolle auch eintreffen wird.

Jede und jeder von uns könnte ebenso gut der Zuversicht und dem Hoffnungsvollen mehr Zeit widmen. Der Begriff Resilienz wurde und wird oft strapaziert. Resilienz bedeutet so viel wie die Stärkung der seelischen Widerstandskraft. Diese brauchen wir vor allem dann, wenn unser Leben nicht nach Plan verläuft. Immer dann, wenn uns Missgeschicke passieren und wir mit Enttäuschungen konfrontiert werden fragt uns das Leben nach dem „Trotzdem“. Viktor E. Frankl hat dies als die Trotzmacht des Geistes bezeichnet.
In der Logotherapie sprechen wir davon, dass jeder Mensch mit einem dreifachen Schicksal konfrontiert werden kann, dem körperlichen, dem seelischen und dem soziologischen. Für die Auseinandersetzung mit diesen Gegebenheiten ist seelische Widerstandskraft sehr sinnvoll. Derzeit erleben wir alle eine Art von soziologischem Schicksal, also ein Verhängnis, das uns alle betrifft und das wir nur sehr begrenzt beeinflussen können.

Die Fragen, welche das Leben stellt fordern uns alle heraus und ich bin weit davon entfernt in diesem Virus einen Sinn zu suchen. Einzig allein in der Gestaltung der verbliebenen Möglichkeiten. Einfach ist die Gratwanderung zwischen Aktivität und Passivität nicht. Doch letzlich lebe ich wesentlich entspannter, wenn ich die Realität akzeptiere - die nicht lustig ist - und mich nicht diesem pausenlosen Druck einer Sinnsuche ausliefere.

Gerne teile ich einige Ideen, die mich inspirieren und stärken:

• Ich suche nach Leuchtturmmenschen, die den Schwierigkeiten des Lebens standgehalten haben
• Ich spüre auf, worüber ich mich freue und wofür ich dankbar bin
• Ich erinnere mich an das, was ich bereits bewältigt habe
• Ich nehme Abschied von der Illusion das richtige Rezept beschützt mich vor den Niederlagen des Lebens
• Ich entdecke, dass nicht die Bedingungen meinem Leben Sinn verleihen, sondern meine Entscheidungen

 

In den "Sternstunden der Philosophie" finde ich immer wieder so genannte Leuchtturmmenschen. Hier ist ein Link zum Gespräch zwischen Barbara Bleisch und Bernhard Schlink: Von Abschied und Neuanfang.


Jänner 2021

 „Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind,

so machen wir sie schlechter;

wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten,

so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind."

Johann W. v. Goethe

 

Seit vielen Jahren stelle ich das neue Jahr unter eine Art Motto, das ich beleben möchte. Nicht im Sinne eines Vorsatzes, den es zu erfüllen gilt, sondern im Sinne einer Auseinandersetzung mit mir und meinen Charakter-eigenschaften. Wenn man sich drei Jahrzehnte einer Lehre verschrieben hat, die dem Menschen zutraut sinnvoll zu leben, steht man immer in der Gefahr zu meinen, man wüsste es besser. Deshalb gilt mein Motto in diesem Jahr, dem Gedanken von Goethe mehr Gewicht zu verleihen.

In der Logotherapie gibt es die Methode des sokratischen Dialogs. Das Wesentliche beim sokratischen Dialog ist die Haltung, wie ich mit einem Menschen spreche und der Mut zur Ergebnisoffenheit. Das beginnt mit der persönlichen Sicht auf mein Gegenüber.

 

Wie sehe ich den anderen Menschen?

Meine ich, ihm helfen zu müssen?

Meine ich, ihm meine Sichtweise beibringen zu müssen?

Meine ich, zu wissen was für ihn sinnvoll ist?

 

Oder sehe ich ihn in seiner Einmaligkeit und Einzigartigkeit und mit jener liebenswerten Unvollkommenheit – die auch mir eigen ist – und durch die er unaustauschbar bleibt, wie Viktor Frankl dies so wunderbar beschrieben hat.

Im Gespräch, das vom Dialog geprägt ist, geht es um Augenblicke, in denen wir von einer inneren Überzeugung getragen werden und das Leben selbst zu Wort kommt. Die Arbeit des Suchens, aber mit dem Vertrauen des Findens, will Sokrates in Gang bringen.

Wesentlich ist bei diesem Dialog, dass ich nicht alles weiß und nicht, dass ich „nichts“ weiß. Ich weiß, dass ich nicht weiß, bedeutet, dass ich von dir „noch nicht“ so viel weiß und deshalb frage ich nach. „Sokrates weiß die Grenzen, an denen der Beweis aufhört, aber an denen für alles Befragen die Substanz, aus der er lebt, nur in hellerem Leuchten standhält." So schreibt dies Karl Jaspers.

Ludwig Wittgenstein hat dies ähnlich formuliert: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt worden sind.

 

Für Viktor E. Frankl war der sokra­tische Dialog, der Dialog mit dem Leben. Der Dialog ist es, der das Wesen des Menschen ernst nimmt und weder Begründungen noch Argumente verlangt. Im Dialog wird das Evidenz­gefühl spürbar. Evident ist etwas, das ohne Beweise auskommt und trotzdem verständlich und stimmig ist. „Evident ist etwas, das durch unmittelbare Anschauung über­zeugt. Es bedarf keiner langen Argumentation, keiner besonderen Methode, keines Vorwissens und keiner Expertise, um etwas als evident zu erkennen.“ So hat dies sehr treffend Götz Werner, der Begründer von dm (Drogeriemarkt) in seinem Buch "Womit ich nie gerechnet habe" beschrieben.

Diesem persönlichen Evidenzgefühl auf die Spur zu kommen, ihm zu vertrauen und danach zu leben ist eine lohnende Herausforderung. Möge die Übung gelingen.