Neuigkeiten und Gedanken


Dezember 2021

Die Gewohnheit, sich um kleine Dinge zu kümmern

und sich für kleine Liebenswürdigkeiten zu bedanken,

ist eines der wichtigsten Merkmale eines guten Menschen.

Nelson Mandela, Bekenntnisse

 

Jedes Jahr im Advent freue ich mich darauf, die Sterne, Kugeln und anderen Dinge aus ihren Kartons zu holen, um meinen Wohnraum weihnachtlich zu gestalten. Die äußeren kleinen Dinge sind für mich ein Ausdruck meines Innenlebens. Umgekehrt inspiriert mich das, was ich aufhänge mit Erinnerung und von vielen Kleinigkeiten weiß ich, wer mir diesen Stern geschenkt hat oder wo ich ihn gekauft habe. Ja, ich mag die Gewohnheit, mich um diese kleinen Dinge zu kümmern und obwohl ich alleine lebe, bin ich es mir wert, Kerzen anzuzünden und die alten Schallplatten mit ihren krächzenden Geräuschen zu hören.

Vor mehr als zwanzig Jahren hatte ich die Idee, eine Laterne vor meiner Haustür aufzuhängen. Vom ersten Adventsonntag an, brennt dort eine Kerze, eine wie ich sie auch am Friedhof anzünde. Je nach Brenndauer leuchtet das Licht für einen lieben Menschen, der nicht mehr lebt. Die erste brennt immer für meine Mutter und die zweite für meine Großmutter. Aufgrund der Termin befreiten Zeit habe ich - nach dem Vorbild von Marc Aurel und seinen Selbstbetrachtungen - begonnen aufzuschreiben, was ich gelernt habe und wofür ich dankbar bin.

 

Die Kerzen brennen nicht nur für Menschen, denen ich persönlich begegnet bin, sondern auch für Menschen, deren Bücher ich gelesen habe und denen ich auf diese Weise nahe gekommen bin. Irgendwann bis zum Dreikönigstag im Jänner werde ich für Ortega y Gasset, einem der bedeutendsten spanischen Denker,  eine Kerze anzünden. Vor kurzem fand ich in seinem Buch "Aufstand der Massen" einen kurzen Text, der ziemlich aktuell ist.

"Es geht nicht an, von Ideen oder Meinungen zu reden,

wenn man keine Instanz anerkennt,welche über sie zu Gerichte sitzt,

keine Normen, auf welche man sich in der Diskussion berufen kann.

Diese Normen sind Grundlagen der Kultur.
Es gibt keine Kultur, wenn es keine Ehrfurcht vor gewissen Grundwahrheiten der Erkenntnis gibt."

 

Ja, ich gebe ehrlich zu, dass mich der mangelnde Respekt, der vielerorts auftaucht, traurig macht. Wie viele andere denke auch ich, was kommt da auf uns zu? Wer vor Krankenhäusern gegen Verordnungen der Regierung demonstriert, kann keine Ahnung davon haben, was Menschen in Gesundheitsberufen derzeit für andere bewältigen. Das ist nicht nur mangelnder Respekt, sondern menschliche Dummheit, die grenzenlos ist. Grenzenlos ist das eigene Ich, das die eigene Sichtweise für allwissend und allmächtig hält und die Augen verschließt vor der Not und dem Leid anderer Menschen.

 

Dennoch und trotzdem weiß ich, dass Friedrich von Hölderlin Recht hat: "Wo die Gefahr ist, da wächst das Rettende auch." Auf meine eigene Weise kann ich zu diesem Rettenden etwas beitragen und wenn ich eine Kerze für einen Menschen anzünde, der mir viel bedeutet.

 

November 2021

Die Liebe endet nicht an den Gräbern,
auch die Liebe der Toten zu den Lebenden endet nicht im Grab.
Auch sie sind Fürsprecher bei Gott, sie beten für uns.
Wem dieser Gedanke zu fremd ist, könnte ihn wenigstens schön finden.

Fulbert Steffensky, In: Orte des Glaubens

 

Seit meiner Kindheit gehört der Tod zu meinem Leben. Aus der weitreichenden Verwandtschaft, die überwiegend im Alter meiner Großeltern war, starb immer wieder jemand. Der Segen meines Lebens - besonders in jungen Jahren - war meine Großmutter. Mit ihr konnte ich über alles reden - auch über den Tod.

Als ich dann mein Studium der Logotherapie begonnen habe, war der Gedanke von Viktor E. Frankl eine selbstverständliche Beschreibung dessen, was ich bereits erlebt hatte: "Man kann sich nicht früh genug und man kann sich nicht oft genug mit dem Tod konfrontieren."

Seit ich lesen kann, begeistere ich mich für die Lebensgeschichten anderer Menschen. Mit meiner Großmutter konnte ich die Begeisterung über Biografien teilen und eine ähnliche Sichtweise. Mit meiner Mutter verbindet mich vor allem ein Buch: "Widerstand und Ergebung" von Dietrich Bonhoeffer.

Meine Mutter fand in den Gedanken Bonhoeffers Verständnis und eine Art Erkenntnis für die unmenschliche Zeit des Nationalsozialismus. Bis heute ist "Widerstand und Ergebung" für mich Herausforderung und Orientierung, Bereicherung und Trost.

"Der Wunsch, alles durch sich selbst sein zu wollen ist ein falscher Stolz. Auch was man anderen verdankt, gehört eben zu einem und ist ein Stück des eigenen Lebens, und das Ausrechnenwollen, was man sich selbst 'verdient' hat und was man anderen verdankt, ist sicher nicht christlich und im übrigen ein aussichtsloses Unternehmen. Man ist eben mit dem, was man selbst ist und was  man empfängt ein Ganzes." Dies schrieb Dietrich Bonhoeffer im November 1943 an seinen Freund Eberhard Bethge.

In diesem Sinne wärmt mich der obige Gedanke von Fulbert Steffensky sehr und ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit meiner Mutter und meinen Großeltern gegenüber, die in mir das Interesse an Literatur und die Freude am Lesen geweckt haben.

Manchmal setze ich mich in mein Wohnzimmer, schaue in den Garten und bereite den auftauchenden Gedanken eine Landebahn. Dann "fliegt mit Vieles zu", was in meiner vollen Scheune der Vergangenheit unverlierbar geborgen ist.

Oktober 2021

Das Schicksal hat mich mehrmals überzeugt

Sabine Rückert im Interviewpodcast "Alles gesagt"

 

Als ich diesen Satz von Sabine Rückert gehört habe, habe ich die Aufnahme gestoppt und nachgedacht.

 

In der Logotherapie schreibt Viktor Frankl, jeder Mensch wird mit einem dreifachen Schicksal in seinem Leben konfrontiert, einem körperlichen, einem seelischen und einem soziologischen. Wir alle haben bestimmte Veranlagungen biologischer Natur und die angeborenen Charaktereigenschaften sind nicht immer leicht zu verkraften. Für das soziologische Schicksal, die Familie, in die man hineingeboren wird, das Umfeld, in dem man lebt und das Land, in dem man aufwächst, kann man als Kind wenig beitragen.

Keinen Einfluss haben, das ist heute alles andere als beliebt. Ratgeber und Mentalcoaches verkünden großspurig, was man alles tun soll, wie man glücklich wird und Leid vermeidet. Die Ideen werden immer grotesker und haben mit der Realität vieler Menschen nichts zu tun.

Weil ich überzeugt bin, dass es Dinge gibt, auf die ich keinen Einfluss habe, gerade deswegen hat mich der Gedanke von Sabine Rückert inspiriert und zum Nachdenken über mein eigenes Leben angeregt.

Je mehr Erinnerungen an schwierige Zeiten auftauchten, um so größer wurde meine Zustimmung.

Ja, auch mich hat mein Schicksal mehrmals überzeugt.

"Das Schicksal vermögen wir ja nicht zu dirigieren – Schicksal nennen wir just das, worauf wir eben keinen Einfluss haben." Schreibt Viktor Frankl in seinem Buch "Die Sinnfrage in der Psychotherapie".

Doch wir können es gestalten!

 

September 2021

Das passiert uns ständig,

dass wir etwas Abstraktes wie etwas Konkretes behandeln

und dabei übersehen, was wirklich in der Welt vorkommt.

Alfred North Whithead, in: Ein Physiker und eine Philosophin spielen mit der Zeit

 

Mit der Zeit spielen, das sollte ich öfter tun. Ich meine mit den Tagen, die mir das Leben schenkt zu spielen. Bekanntlich wird man ganz Mensch durch das Spiel. Wöchentlich - immer am Donnerstag - werde ich an eine andere Art von Spiel erinnert. Donnerstags kommt immer DIE ZEIT, diese sehr umfangreiche Wochenzeitung aus Hamburg. Das Spiel mit dieser "Zeit" bedeutet, ich kann nur Bruchteile dessen lesen, was sie mir bietet. Doch das, was ich zu lesen bekomme ist meistens so informativ und erkenntnisreich, dass ich froh um dieses Spiel mit dieser ZEIT bin.

Einen besonders lesenswerten Artikel entdeckte ich in ZEIT WISSEN: "Neue Ehrfurcht vor altem Wissen". Tobias Hürter schreibt, dass im Jänner 1417 Poggio Bracciolini, ein italienischer Gelehrter, im Auftrag der Medici nach Deutschland und in die Schweiz reist und auf der Suche nach griechischen und römischen Manuskripten ist. Im Benediktinerkloster Fulda fand er ein Manuskript „Über die Natur der Dinge“ von Lukrez. Bis heute gilt es als das einzige Manuskript aus dem ersten Jahrhun­dert vor Christus. Das 15. Jahrhundert brachte den Menschen eine ähnliche Erstarrung wie wir sie heute erleben. Hohl gewordene Traditionen und die Kirche erstickten jede Erneuerung.

Die Textsammlung von Lukrez ist erstaunlich.

"Freundschaft - Einfachheit - Weltlichkeit und die Akzeptanz von Beschränkungen seien wesentlich und er meinte, das Glück des Menschen liege im Diesseits nicht im Jenseits. Der Aberglaube und Abhängigkeit führen Menschen in die Angst und somit in das Bemühen, die Vorschriften einzuhalten."

 

Was bedeutet Freundschaft, Einfachheit und Weltlichkeit konkret? Darüber nachdenken, was diese Begriffe für mich bedeuten lohnt sich. Es liegt an mir, dass Freundschaft nichts Abstraktes bleibt, sondern in kleinen Zeichen der Aufmerksamkeit konkret wird. Mit der Einfachheit wird es schon herausfordernder, denn in der Fülle, die mir an Lebensmöglichkeiten zur Verfügung steht, habe ich wahrscheinlich einen Grundkurs in Einfachheit nötig.

Besonders gefällt mir die "Akzeptanz von Beschränkungen". Dieser Hinweis wird zum täglichen Spiel mit meinen gedanklichen Vorstellungen und erinnert mich an den Gedanken von Viktor Frankl: "Man muss sich von sich nicht alles gefallen lassen."

Sozusagen als Barometer dient dabei meine gute Laune. Bemerke ich, dass sie verschwindet, dann habe ich mir wieder einmal zu viel zugemutet, zu viel von mir verlangt. Dann beginne ich mit meiner Zeit zu spielen, in der nicht alles Platz findet, was an Ideen in mir auftaucht.

August 2021

 

"Geschichte lebt lange in uns Menschen weiter und

bestimmt unser Handeln, unsere Gefühle,

Träume, Sorgen und Ängste."

Der erste Satz aus dem Buch von Sophie von Bechtolsheim

Stauffenberg. Folgen Zwölf Begegnungen mit der Geschichte

 

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts interessiert mich sehr und so greife ich immer wieder zu Büchern und Texten, die diese Zeit betreffen.

"Unglücklich zu sein macht dich auch nicht schlauer!" So lautet die Überschrift eines Interviews mit Erika Freeman in DIE ZEIT vom Mai 2020. Als sie auf das Glück angesprochen wird, sagt Erika Freeman: "Man tut, was notwendig ist. Glück ist ein Luxusgut, über das man in Friedenszeiten nachdenkt."

 

Am Beginn der Olympischen Spiele in Tokyo las ich eine Stellungnahme von Simon Biles, einer der erfolg-reichsten Turnerinnen aus den USA: " "Letztlich sind wir auch Menschen. Also müssen wir unseren Geist und unseren Körper schützen, statt rauszugehen und das zu tun, was die Welt von uns verlangt. Ich hatte das Gefühl, dass ich für andere turne. Das tut mir einfach im Herzen weh, denn das zu tun, was ich liebe, wurde mir irgendwie genommen, um anderen Menschen zu gefallen." Was war geschehen. Sie hatte bei einer Turnübung bemerkt, dass ihre Ängste zu groß werden und hat entschieden, dass sie nicht mehr am Wettkampf teilnimmt.

 

Über Glück im eigenen Leben nachzudenken ist eine sinnvolle Angelegenheit. Mir wird bewusst, wie viel Glück ich in den letzten zwanzig Jahren hatte seit ich das Tiroler Institut für Logotherapie gegründet habe. Wie sehr hat mich die Sinnlehre von Viktor Frankl inspiriert, geprägt und dankbar gestimmt. "Der Mensch wird ganz durch das Mensch, was er zu seiner Sache macht!" Dieser Gedanke von Viktor Frankl weckt in mir immer wieder die Neugier auf das, was ich noch erleben werde. Trotzdem ist mir bewusst, dass es bei aller Begeisterung auch die Realität gibt, die ihr eigene Beachtung fordert. Die Geschichte von Simon Biles zeigt, dass Menschen nicht endlos herausragende Leistungen bringen können.

 

Der Sommer ist eine gute Möglichkeit die gute Passivität zu pflegen und zu schauen, was mir gut tut.

 

 

Juli 2021

 

"Was hatte uns hierher geführt?
Vordergründig die übliche Kette kleiner Schritte,

Zufälle, Entscheidungen, die erst im Nachhinein

von jemandem gelenkt scheinen,
auf den wir wenig Einfluss haben."

Tiziano Terzani

 

Überraschend beschenkt zu werden gehört für mich zu den wunderbaren Begegnungen, die ich nicht planen kann und zu denen ich kaum etwas beitrage. Diesem Zufall, den wir nicht berechnen können, sollten wir hin und wieder Aufmerksamkeit schenken und selbst Taten folgen lassen.

Festtage zu feiern, an Geburtstage zu denken und Menschen zu gratulieren mag ich sehr. Alle Feiern, die Menschen zusammenbringen sind etwas Bereicherndes. Doch völlig unerwartet überrascht zu werden, weil einem Menschen etwas gefallen hat, was man gesagt oder getan hat, das sind Sternstunden mitten im Alltag.

 

"Zufall ist das unberechenbare Geschehen, das sich unserer Vernunft und Absicht entzieht." Dieser Gedanke stammt von den Brüdern Grimm, von denen auch viele Märchen geschrieben wurden. Ziemlich kurzfristig wurde ich zu einem Fortbildungstag eingeladen, weil der geplante Referent nicht kommen konnte. Ich hab mich gefreut und mich intensiv auf diesen Tag und das Thema vorbereitet. Doch Ernsthaftigkeit und intensives Bemühen sind nicht alles, was es zum Gelingen braucht. Wer redet, ist auf seine Zuhörer*innen angewiesen. Ist Begegnung möglich? Gibt es ein Berührtsein? Sag ich einen Gedanken oder ein Wort, das auf der anderen Seite missver-standen wird? Gibt es einen Blickkontakt, der Wohlwollen signalisiert? Vieles davon geschieht dann ohne Worte, doch die Stimmung ist spürbar und Wohlwollen breitet sich aus. Es gibt Menschen, die diese Stimmung wahrnehmen und fähig sind, diese Zustimmung mit einem kleinen Geschenk auszudrücken. Dies ist dann wie ein Märchen mitten im Alltag.

Im vergangenen Monat wurde ich mehrmals überrascht. Nach dem Abschluss einer dreijährigen Ausbildung wurde mein Team im TILO und ich überraschend beschenkt, nach einem Vortrag wurde ich von einem Zuhörer mit einem kleinen Vogel aus Holz beschenkt und eine Frau beschenkte mich äußerst großzügig für etwas längst Vergangenes.

Nun kann man darauf warten, dass man selbst solchen Menschen begegnet oder man trägt selbst etwas zu jenen Überraschungen bei, die das Leben bereichern und wärmen.

Juni 2021

 

"Für mich ist Musik wie eine Lichtquelle,

die ihre Strahlen auf mich zu sendet,

die mich treffen und erwärmen . . ."

Maria von Wedemeyer

 

 

 

 

Haus der Musik, Innsbruck

 

Wenn du schläfst, betrachte ich die Sterne
und den Mond am Himmel.
Ich bitte sie, dir helles Licht zu bringen
für deine Träume. . .

Heinz Janisch

 

Ich liebe meine Träume und ich vertraue ihnen schon lange. Jenen nächtlichen Inszenierungen des Unbewussten, in denen mein Verstand kein Mitspracherecht hat, aber das Leben selbst. So viel Zuspruch und  Kritik vertrage ich wohl von niemandem - außer vom Lebendigen in meinen Träumen.

 

Doch der Traum, der sich am Pfingstsonntag erfüllt hat, war eine Sehnsucht, die nach 205 Tagen Wirklichkeit wurde. Das erste Konzert seit Oktober. Mit Peter Waldner im Haus der Musik in Innsbruck und echten Zuhörer*innen. Momente tiefer Ergriffenheit und eine Seligkeit, die mit nichts vergleichbar ist - vielleicht am ehesten mit der Bewegung im Wasser, im See, wenn ich nicht mehr unterscheiden kann, ob das Wasser mich berührt oder ich das Wasser.

Fulbert Steffensky hat Recht, wenn er schreibt: "Wer keine Musik kennt, der entbehrt nichts, wenn er sie nicht hat. Wer Musik kennt, der leidet, wenn sie ihm fehlt."

Ja, ich höre täglich Musik, immer am Morgen, wenn ich aufstehe. Sehr oft höre ich Mozart. Seine Klavierkonzerte und Sonaten und die letzte Aufnahme von Nikolaus Harnoncourt mit den E-Dur, G-Moll und C-Dur Symphonien, die Harnoncourt als Oratorium bezeichnet hat. Sogar im Schreiben spür ich die Gänsehaut, die diese Musik immer wieder in mir bewirkt.

In einem Büchlein "Die Macht der Musik" schrieb Nikolaus Harnoncourt: "Wirtschaft und Wissenschaft brauchen scheinbar keine Musik – obwohl es sicher kein Zufall ist, dass Albert Einstein Geige spielte –, aber der Mensch als Individuum und die Gesellschaft würden ohne Musik verkümmern und verblöden. Hildesheimer sagt: „..Mozarts Kunst ist das Größte, was in der Welt geleistet wurde . . .“ Wenn das wahr ist, und ich bin davon überzeugt, dann müssten wir hier eine entscheidende Orientierung finden. Derart Nutzloses ist ja viel wichtiger als das Nützliche.
Besteht nicht die Gefahr, dass die Vernunft, die Logik, die Technik in der Not der alltäglichen Erscheinungen die Oberhand gewinnen, ja dass das Phantastische überhaupt in die Ecke gedrängt und erstickt wird?"

 

Ich bin gewiss, dass ich die Zeit, die täglich mit Musik fülle mein Leben nicht nur bereichert, sondern in einer guten Weise verändert hat. Die Veränderung ist die Fähigkeit, dass ich keinen Plan befolgen und kein Ziel erreichen muss. Dafür lebe ich bewusster, freue mich auf jeden Tag und die Menschen, denen ich begegnen werde.

Am 3. Juni war ich in Radstadt bei den Paul-Hofhaimer-Tagen und erlebte ein Orgelkonzert von Martin Riccabona, das mich in einer Intensität berührt für die es keine Worte gibt. Es war überwältigend.

 

Dann ist mein Leben wieder bodenständig und real, dann schwebe ich nicht mehr in den Sphären dessen, was sich eigentlich nicht beschreiben lässt.

Dann gehe ich in die Küche und koche für meine Kinder und Enkelkinder Marillenknödel - übrigens die ersten in diesem Jahr.

Leben ist was Wunderbares!

Mai 2021

"Der Mensch wird ganz durch das Mensch, was er zu seiner Sache macht!"

Viktor E. Frankl

 

Was könnte eine "Sache" sein, die ich zu "meiner" mache? Etwas Wertvolles, das mir am Herzen liegt? Etwas, das mich so begeistert, dass ich gar nicht daran denke, ob das, was ich tue anderen auch gefallen könnte?

Es sind immer Werte, die mir am Herzen liegen denen die ich gerne Zeit und meine Aufmerksamkeit schenke. Da ist meine berufliche Tätigkeit, die mich herausfordert oder der Garten, den ich gerne pflege oder ein Buch, das mich in seinen Bann zieht oder ein Mensch, den ich gerne mag.

Wenn es um einen Wert geht schiele ich nicht nach dem Ergebnis, nach Belohnung und denke nicht ständig an das Ziel, das ich erreichen will.

Der erste Schritt fällt meistens leicht, soferne ich Begeisterung in mir spüre. Der zweite Schritt fordert bereits ein wenig mehr. Er verlangt Disziplin und manchmal Durchhaltevermögen, wenn es nicht so leicht geht, wie angenommen. Bereits der dritte Schritt beschenkt mich. Es ist ein Geschenk des guten Empfindens, das Erleben von Freude über das, was ich bewältigt habe. Den vierten Schritt zähle ich nicht mehr. Da bin ich bereits eingetaucht in das Wesen eines Menschen, in die Landschaft, in die Natur, in die Musik, in ein Buch und ich empfinde auf eigene Weise Teil von all dem zu sein.

Ja, da fühle ich etwas von diesem Mensch-SEIN, das Viktor Frankl meint. Es ist das Empfinden von intensiver Dankbarkeit für das Leben selbst und für die Vielfalt des Wertvollen, das mich umgibt.

 

April 2021

 „Skifahren ist wie tanzen oder fliegen - nur schöner!"

Mikaela Shiffrin

 

Als Kind habe ich mir sehnsüchtig Ski gewünscht. Meiner Familie war dies aus finanziellen Gründen nicht möglich. Statt mit der Klasse die gemeinsame Skiwoche zu erleben, musste ich in die Schule gehen. Mit meinem ersten selbstverdienten habe ich mir Ski gekauft, Skikurs mit 19 besucht und die Leidenschaft für diesen Sport - auch wenn ich damals nicht gut gefahren bin - hat mich nie mehr verlassen.

Ich lernte so gut Ski zu fahren, dass mein Sohn erst mit zehn Jahren schneller war als ich.

Skiurlaube am Arlberg und in Val Thorens - das höchst gelegene Skidorf der Alpen - gehören zu den wunderbaren Erinnerungen in meinem Skifahrerleben.

Die Axamer Lizum wurde von 1978 - 2007 zum liebsten Skigebiet und besonders die Abfahrt vom Axamer Kögele ist in der Nähe von Innsbruck mit nichts vergleichbar. Aufgrund des Handicaps mit meiner Wirbelsäule entschied ich mich aus Vernunftgründen das Skifahren aufzugeben.

Bis zum Jänner 2021 hielt ich das durch, dann sagte mir meine Enkelin Laura (6 Jahre), sie möchte mir unbedingt zeigen, wie gut sie Skifahren kann. Beim Lift zu warten, bis Laura einige Mal herunterfährt wollte ich nicht. Mein Sohn und meine Tochter stellten mir alles, was nötig war zur Verfügung und ich wagte mich noch einmal auf jene Bretter, die tatsächlich eine wunderbare Welt für mich bedeuten. Erstaunlich war, dass keinerlei Zweifel auftauchte. Einen Stemmbogen werde ich wohl zusammenbringen, dachte ich mir. Ich ahnte nicht, wie schnell ich wieder zu meiner alten Form finden würde und mittlerweile bin ich bereits einige Male in der Axamer Lizum, am Elfer im Stubai Ski und am Stubaier Gletscher Ski gefahren.

Der Höhepunkt an begeistertem Staunen über die Schönheit der Natur erlebte ich in der letzten Märzwoche. Erlebniswerte sagen wir in der Logotherapie zu solchen wunderbaren Erfahrungen.

Alleine mit der Natur fuhr ich die Abfahrt von Axamer Kögele - direkt vor meine Haustür - nach Axams.

Besonders lustig fand ich den Schneemann -

vielleicht war es auch eine Schneefrau -

den jemand knapp unter dem Gipfel des Axamer Kögele gebaut hat.

 

Er kann auf Innsbruck schauen -

solange bis er die Wärme nicht mehr aushält oder die Murmeltiere ihn erschrecken.

 

Wir alle leben von den Erfahrungen, die unter die Haut gehen und uns erfreuen. Ich erinnerte mich an das, was Viktor Frankl gesagt hatte, als er klettern wollte, aber Höhenangst hatte. Er fragte sich: "Muss ich mich eigentlich die Angst von mir gefallen lassen? Wer ist stärker? Ich oder der Schweinehund in mir, der sich nicht kletten traut?" Viktor Frankl nahm sich einen Bergführer und brachte es selbst zum Bergführer.

Ich "nahm" mir meine Kinder und sie haben mir geholfen stärker zu sein als meine Bedenken. Manchmal ist es gut nicht vernünftig zu sein.

Es ist wunderbar!!!

März 2021

 „Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter dir, wie der Winter, der eben geht."

Rainer Maria Rilke

 

Wer selbständig ist wird von niemandem in Pension geschickt. Die Versuchung, nicht an das Ende der beruflichen Arbeit zu denken, ist groß allerdings nicht sehr realistisch.

Eine bestimmte Vorstellung vom Leben ist kein guter Grund für ein sinnvolles und vor allem realistisches Wofür. So wichtig Visionen sind, um lebendig zu bleiben, so wesentlich ist es, die Realität ernst zu nehmen. „Wir verzweifeln nicht am Leben, sondern an den Vorstellungen, die wir vom Leben haben“, einer der erkenntnisreichen Sätze von Viktor E. Frankl.

Neben meiner Großmutter war seine Sinnlehre wohl das Wertvollste, womit ich die Tiefen­dimension meines Lebens genährt und gestärkt habe. Neben diesen beiden Menschen gibt es eine Fülle von Frauen und Männern, denen ich nie persönlich begegnet bin, die mich aber durch ihr Sein intensiv inspiriert haben. Da sind die „guten Mächte“, die mich wunderbar umgeben von Dietrich Bonhoeffer, jenes „Vertrauen, dass wir Wesentliches geschenkt bekommen“ von Maria von Wedemeyer, die „übliche Kette kleiner Schritte, die von jemandem  gelenkt zu sein scheinen“ von Tiziano Terzani und der Wunsch von Václav Havel, man möge „die Freude an der Welt nicht verlieren, auch wenn sie ist wie sie ist".

Erika Pluhar ist mir zur guten Freundin geworden. Mit ihrem Jahrhundertlied schildert sie den Inbegriff von Liebesfähigkeit, sich selbst und anderen gegenüber:

Sollte ich es einmal schaffen

neben dir mich selbst zu achten

ohne mich behaupten zu müssen

dann werde ich dich lieben können

ohne Schatten

 

Vor 20 Jahren (nach einem Jahr Krankenstand) ergab sich für mich mit der Gründung des TILO die Möglichkeit, ins Berufsleben zurückzukehren. Der Zauber, der diesem Anfang innewohnte war meine unbeirrbare Begeisterung für die Logotherapie. Trotz aller körperlichen Beschwerden war mir eine Art Unerschüt­terlichkeit geschenkt, die ich nicht erklären kann.

 

Über die Lehren großer Geister theoretisch Bescheid zu wissen ist eine gute Sache. Doch dieses Wissen-Wissen allein ist für den praktischen Alltag zu wenig. Ich brauche ein Menschen-Wissen. Dort wo ich mich von der Lehre und Gedanken anderer verstanden fühle und mich in meinem Denken wiederfinde, belebe ich meine Menschen-Bildung. In den Geschichen und Mythen der Naturvölker gibt es eine dreifache Struktur. Sie unterschei­den zwischen Hüttenbauer, Feuerhüter und großem Geist. Der große Geist ist für mich natürlich Viktor Frankl.

 

An der „Tilo-Hütte“ habe ich viele Jahre alleine gebaut. Bis Sabine Kindl ins Tilo kam und ab März übergebe ich ihr mit Freude die Arbeit an diesem Hüttenbauen. Ich werde mich mehr dem Feuerhüten widmen. Das bedeutet zum Lesen und Schreiben mehr Zeit zu haben.

 

Wenn es eine Art Grundeinstellung in meinem Leben gibt, dann diese: Gelingen hängt niemals von mir alleine ab. Ich kann mein Bestes geben und trotzdem scheitern. Je näher der Termin einer Tagung rückte oder der Beginn einer neuen Ausbildung, um so intensiver wurden meine Gedanken an die guten Mächte – zu ihnen zählt untrennbar Viktor Frankl. Ich könnte diese Gedanken als Gebet bezeichnen, aber nicht als Bittgebet, sondern mehr als Segensgebet mein Vorhaben betreffend.

Wenn ich zurückblicke, dann lag sehr viel Segen auf diesen zwanzig Jahren und dafür bin ich dankbar.

 

Februar 2021

 „Ohne Kenntnis der Vergangenheit verlagern wir viel zu viele Probleme in die Zukunft."

Margarethe von Trotta

 

Die meisten Menschen haben in den letzten Jahrzehnten gelernt, wie man auftauchende Probleme löst und geplante Ziele verfolgt. Die Problematik, die uns alle betrifft - wenn auch auf unterschiedliche Weise - ist die Beschränkung dessen, was für die meisten selbstverständlich geworden ist. Werden die Bedingungen im Außern schwieriger könnten wir für unserer innere Kraft etwas tun. Das sagt oder schreibt sich leicht, ist jedoch eine große Herausforderung. Krisen sind bekanntlich schlechte Lehrmeister. Dies äußert sich auch in diversen Prognosen, was uns alles an Schwierigkeiten bevorsteht. Ich frage mich wem dienen Prognosen, welche die Zukunft in den dunkelsten Farben schildern?

Prognosen verführen und belasten das Jetzt mit noch mehr Problemen. Jetzt bleibt jedem die Möglichkeit das zu tun, was aus seiner Sicht das Beste ist. Im übrigen garantiert keine Prognose, dass das Grauenvolle auch eintreffen wird.

Jede und jeder von uns könnte ebenso gut der Zuversicht und dem Hoffnungsvollen mehr Zeit widmen. Der Begriff Resilienz wurde und wird oft strapaziert. Resilienz bedeutet so viel wie die Stärkung der seelischen Widerstandskraft. Diese brauchen wir vor allem dann, wenn unser Leben nicht nach Plan verläuft. Immer dann, wenn uns Missgeschicke passieren und wir mit Enttäuschungen konfrontiert werden fragt uns das Leben nach dem „Trotzdem“. Viktor E. Frankl hat dies als die Trotzmacht des Geistes bezeichnet.
In der Logotherapie sprechen wir davon, dass jeder Mensch mit einem dreifachen Schicksal konfrontiert werden kann, dem körperlichen, dem seelischen und dem soziologischen. Für die Auseinandersetzung mit diesen Gegebenheiten ist seelische Widerstandskraft sehr sinnvoll. Derzeit erleben wir alle eine Art von soziologischem Schicksal, also ein Verhängnis, das uns alle betrifft und das wir nur sehr begrenzt beeinflussen können.

Die Fragen, welche das Leben stellt fordern uns alle heraus und ich bin weit davon entfernt in diesem Virus einen Sinn zu suchen. Einzig allein in der Gestaltung der verbliebenen Möglichkeiten. Einfach ist die Gratwanderung zwischen Aktivität und Passivität nicht. Doch letzlich lebe ich wesentlich entspannter, wenn ich die Realität akzeptiere - die nicht lustig ist - und mich nicht diesem pausenlosen Druck einer Sinnsuche ausliefere.

Gerne teile ich einige Ideen, die mich inspirieren und stärken:

• Ich suche nach Leuchtturmmenschen, die den Schwierigkeiten des Lebens standgehalten haben
• Ich spüre auf, worüber ich mich freue und wofür ich dankbar bin
• Ich erinnere mich an das, was ich bereits bewältigt habe
• Ich nehme Abschied von der Illusion das richtige Rezept beschützt mich vor den Niederlagen des Lebens
• Ich entdecke, dass nicht die Bedingungen meinem Leben Sinn verleihen, sondern meine Entscheidungen

 

In den "Sternstunden der Philosophie" finde ich immer wieder so genannte Leuchtturmmenschen. Hier ist ein Link zum Gespräch zwischen Barbara Bleisch und Bernhard Schlink: Von Abschied und Neuanfang.


Jänner 2021

 „Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind,

so machen wir sie schlechter;

wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten,

so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind."

Johann W. v. Goethe

 

Seit vielen Jahren stelle ich das neue Jahr unter eine Art Motto, das ich beleben möchte. Nicht im Sinne eines Vorsatzes, den es zu erfüllen gilt, sondern im Sinne einer Auseinandersetzung mit mir und meinen Charakter-eigenschaften. Wenn man sich drei Jahrzehnte einer Lehre verschrieben hat, die dem Menschen zutraut sinnvoll zu leben, steht man immer in der Gefahr zu meinen, man wüsste es besser. Deshalb gilt mein Motto in diesem Jahr, dem Gedanken von Goethe mehr Gewicht zu verleihen.

In der Logotherapie gibt es die Methode des sokratischen Dialogs. Das Wesentliche beim sokratischen Dialog ist die Haltung, wie ich mit einem Menschen spreche und der Mut zur Ergebnisoffenheit. Das beginnt mit der persönlichen Sicht auf mein Gegenüber.

 

Wie sehe ich den anderen Menschen?

Meine ich, ihm helfen zu müssen?

Meine ich, ihm meine Sichtweise beibringen zu müssen?

Meine ich, zu wissen was für ihn sinnvoll ist?

 

Oder sehe ich ihn in seiner Einmaligkeit und Einzigartigkeit und mit jener liebenswerten Unvollkommenheit – die auch mir eigen ist – und durch die er unaustauschbar bleibt, wie Viktor Frankl dies so wunderbar beschrieben hat.

Im Gespräch, das vom Dialog geprägt ist, geht es um Augenblicke, in denen wir von einer inneren Überzeugung getragen werden und das Leben selbst zu Wort kommt. Die Arbeit des Suchens, aber mit dem Vertrauen des Findens, will Sokrates in Gang bringen.

Wesentlich ist bei diesem Dialog, dass ich nicht alles weiß und nicht, dass ich „nichts“ weiß. Ich weiß, dass ich nicht weiß, bedeutet, dass ich von dir „noch nicht“ so viel weiß und deshalb frage ich nach. „Sokrates weiß die Grenzen, an denen der Beweis aufhört, aber an denen für alles Befragen die Substanz, aus der er lebt, nur in hellerem Leuchten standhält." So schreibt dies Karl Jaspers.

Ludwig Wittgenstein hat dies ähnlich formuliert: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt worden sind.

 

Für Viktor E. Frankl war der sokra­tische Dialog, der Dialog mit dem Leben. Der Dialog ist es, der das Wesen des Menschen ernst nimmt und weder Begründungen noch Argumente verlangt. Im Dialog wird das Evidenz­gefühl spürbar. Evident ist etwas, das ohne Beweise auskommt und trotzdem verständlich und stimmig ist. „Evident ist etwas, das durch unmittelbare Anschauung über­zeugt. Es bedarf keiner langen Argumentation, keiner besonderen Methode, keines Vorwissens und keiner Expertise, um etwas als evident zu erkennen.“ So hat dies sehr treffend Götz Werner, der Begründer von dm (Drogeriemarkt) in seinem Buch "Womit ich nie gerechnet habe" beschrieben.

Diesem persönlichen Evidenzgefühl auf die Spur zu kommen, ihm zu vertrauen und danach zu leben ist eine lohnende Herausforderung. Möge die Übung gelingen.