Neuigkeiten und Gedanken


April

"„Ich hab‘ das feste Vertrauen,

dass uns das Wesentliche geschenkt wird

und dass wir uns darum jetzt keine Sorgen machen sollen!“

Maria von Wedemeyer, in einem Brief an Dietrich Bonhoeffer Oktober 1942

 

Sehr viele Menschen erleben eine Zeit, die ihnen fremd ist. Bisher galt überwiegend die Devise, wenn du arbeitest und fleißig bist, dann kannst du etwas schaffen. Seit zwei Wochen gilt es in einem Bereich von Covid19, dem Corona Virus nicht mehr. Mit Arbeit und Fleiß ist es nicht zu besiegen - derzeit für die größte Anzahl der Menschen nur mit konsequentem Distanzhalten.

Diese Distanz erleben und erleiden manche alleine, andere mit ihrer Familie. Egal wo und wie - einfach ist diese Situation für niemanden. Das gilt es nun anzuerkennen.

 

Trotzdem habe ich derzeit einen erfüllten Tag und einen ausgesprochen ausgefüllten. Ich hab des riesige Glück, dass mein Sohn mit seiner Frau direkt neben mir wohnt. Wir teilen uns das Kochen auf, zwei Tage kocht meine Schwiegertochter und einen Tag koche ich: Wir essen alle zusammen. Das ist wunderbar.

Dazwischen gehe ich durchs Dorf oder in den Wald - natürlich alleine - und die meiste Zeit verbringe ich mit Homeoffice. Mir macht es sehr viel Freude, Menschen mit anderen Dingen als dem Virus zu immunisieren. Ob seelische Gesundheit, dem Virus ein wenig Parole bieten kann, weiß ich nicht - einen Versuch ist es allemal wert.

Deshalb habe ich gemeinsam mit meiner lieben Kollegin Sabine Kindl die Homepage unseres Institutes um einige Seiten ergänzt und auf meiner eigenen Homepage Texte aus der Werkstatt der Lebensfreude zur Verfügung gestellt.

Hier sind eine Links, damit Sie nicht lange suchen müssen.

 

Sollten Sie gerne mit mir telefonieren wollen - bitte gerne!


Frühling trotz Corona

März 2020

"Das Klima zwischen den Menschen ist rauer geworden.

Ich erlebe die gegenaufklärerische Leugnung von Fakten und Evidenz

und die Geringschätzung Experten gegenüber, 

als ließe sich Wahrheit durch subjektives Empfinden

oder willkürliche Festlegungen neu erfinden."

Joachim Gauck, TOLERANZ einfach schwer

 

Wir leben in einem Land, in dem wir die Freiheit haben, das zu sagen, was einem einfällt. Das Recht auf freie Meinungsäußerung gehört zu den Menschenrechten. Das ist ein hoher Wert in unserer Gemeinschaft. Doch was geschieht, wenn freie Meinungsäußerung dazu führt, Menschen nicht nur abzuwerten, sondern auch zu erniedrigen? Was kann jede und jeder von uns beitragen, andere Meinungen zu akzeptieren? "Wenn einem die Frechheit zu nahe tritt, wenn man nicht mehr weiß, was man sich und anderen schuldig ist, dann steht das Chaos vor der Tür.", schrieb Dietrich Bonhoeffer in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in seinem Aufsatz über das Qualitätsgefühl.

Nicht nur ein Virus steht vor der Tür, sondern auch jene Frechheit, die von anderen Toleranz für widerliches und unmenschliches Verhalten fordert. Es gibt eine falsche Toleranz! Diese falsche Toleranz hat vergessen, dass wir nicht für jede Frechheit Verständnis aufbringen müssen, sondern uns zu Wort melden, wenn Kritik niederträchtig und bedrohend wird.

"Wir brauchen keine neuen Programme, wie brauchen eine neue Menschlichkeit," hat Viktor E. Frankl 1946 in einem Vortrag gesagt. Auch heute brauchen wir eine neue Menschlichkeit und den Mut für das Menschsein einzustehen. Dazu gehören Empathie, Mitgefühl, Realitätsbewusstsein und die Pflege von Gemeinschaft. 

Zum Realitätsbewusstsein gehört auch immer wieder die Frage: Woher kommt diese oder jene Information? Bin ich eine Verschwörungsideologie auf dein Leim gegangen und welchen Quellen kann ich vertrauen?

In guten Gesprächen sind unterschiedliche Sichtweisen eine Bereicherung und erweitern unseren Horizont. Laden Sie Menschen zu einer kleinen Gesprächsrunde ein und pflegen Sie ein menschliches Miteinander. Themen gibt es genug. 

 

 

Februar 2020

"Das Wesen richtig verstandener Disziplin ist Respekt.
Respekt vor der Autorität und Respekt für andre,
Respekt vor uns selbst und Respekt vor den Regeln.
Diese Einstellung beginnt zu Hause,
Sie wird an der Schule bekräftigt,
Und sie gilt das ganze Leben. "

Andre Agassi, Open

 

Ich mag Menschen, manche machen es einem nicht immer leicht, sie zu mögen. Ich mag Österreich, ich mag Europa und finde es ausgesprochen traurig, dass England seit heute nicht mehr in der EU ist. Gegen Machtgier und menschliche Dummheit gibt es eigentlich keinen Impfschutz.

Ich mag Hamburg und durfte schön öfter diese Stadt besuchen. Im Jänner hatte ich das erste Mal die Gelegenheit in der "Elphi", in der Elbphilharmonie ein Konzert zu erleben. Das Bauwerk löst nicht nur von außen Staunen aus. Im Inneren kommt man aus dem Staunen nicht heraus, die Vielfalt der Räume, die sich immer wieder neu zeigen und dann der erste Blick in den Konzertsaal löste in mir Staunen und großen Respekt aus. Respekt vor den Menschen, die dieses Bauwerk geplant haben und Respekt vor jenen, die daran gebaut haben.

 

Doch das Staunen über das, was Menschen schaffen können begann am Tag vorher. Über "ZEITREISEN" hatte ich die Möglichkeit die Seemannmission in Hamburg zu besuchen. Als Landratte hatte ich weder eine Ahnung, was Menschen auf den großen Meeren erleben, noch wie auch ich mein gutes Leben jenen verdanke, die monatelang auf See sind. Thies Unger führte uns einen Vormittag durch den Containerhafen in Hamburg und Pause machten wir im Seemannsclub Duckdalben. Die Schilderung der Arbeit von Menschen, welche die Container vom Schiff aufs Land bringen und wieder aufs Schiff war schon unvorstellbar. Hamburg ist der drittgrößte Containerhafen in Europa und hat damit eine Verteilerfunktion der Warenströme. Das klingt ziemlich technisch. Um diese gigantlische Technik zu bewältigen braucht es Menschen. Menschen haben großartige Ideen, wie Malcolm Mc Lean, der 1956 den ersten Container erfand und Menschen haben schaurige Ideen - die sie auch umsetzen - wenn sie ihren Profit im Blick haben. 53 % der Seeleute, die im "Duckdalben" für einige Stunden Heimat finden kommen von den Philippinen. Sie haben auf See keine Möglichkeit mit ihrer Familie Kontakt aufzunehmen. Im "Duckdalben" können sie zuhause anrufen und finden Menschen, die ihnen zuhören, wenn sie vom Grauen erzählen, welches ihnen manchmal im Mittelmeer aufgrund einer misslungenen Flucht begegnet.

Im "Duckdalben" gibt es auch einen Raum der Religionen - acht sind es derzeit. So kann jeder Mensch in seiner Ecke beten, zu seinem Gott ohne Enge von Dogmen und Vorschriften, welche Religion die "richtige" sei.

 

Ich weiß nicht wie viele Menschen, diese Zeilen lesen werden und das ist auch nicht wichtig. Vielleicht ist einer dabei, dessen Interesse ich für die Menschen auf See geweckt habe. Ich habe keine Ahnung wie viele unserer Waren aus Asien kommen, doch ich werde in Zukunft noch bewusster beim Einkauf darauf achten.

 

Eines können wir alle tun - jede und jeder von uns - den Blick bewusst auf das Menschliche richten, auf den Respekt vor uns selbst und vor anderen. In unserem Wohlstand liegt die Gefahr, dass wir gute Dinge als selbstverständlich ansehen. Sie sind es nicht.

Die Elbphilharmonie von außen und von innen.

Ein Containerschiff im Hamburger Hafen und ein Blick in den Raum der Religionen im "Duckdalben"

Jänner 2020

"Nur aus der Entspannung  - also aus Absichtslosigkeit, Lockerheit –

erheben sich Kraft und Spannung.

Das entsprach ihren bisherigen,

meist nur instinktiven Erfahrungen so genau,

dass ihr diese nun bewusst wurden. "

Erika Pluhar, Am Ende des Gartens

 

Absichtslosigkeit beschäftigt mich schon lange. Etwas ohne Absicht tun, bedeutet ja nicht, dass ich kein Interesse habe. Ganz im Gegenteil, ich lese mit großem Interesse ein Buch. Jedoch ohne daran zu denken, wofür ich es "brauchen" könnte. Oder ich widme mich intensiv einem Text, den ich schreibe. Jedoch schreibe ich nicht in der Absicht, wie mus sich schreiben, dass der Inhalt Zuspruch findet.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der das "um zu" ständig gegenwärtig ist. Was hast du davon? Wofür ist dies nützlich?

Am Beginn des Jahres überlege ich, welcher Eigenschaft, ich dieses Jahr widmen könnte. Also kein Gedanke, welche Eigenschaft könnte nützlich sein, sondern eher das Gegenteil: Nutzlos doch schön und sinnvoll. Heuer tauchte die Eigenschaft schon Mitte Dezember auf: die Absichtlosigkeit. Wer immer die Zwecke und die rentable Nützlichkeit im Blick hat, wird selten ihre Schönheit entdecken.

Hätte ich bei meinem Neujahrsspaziergang an den Effekt der Fitness gedacht, hätte ich die Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen nicht entdeckt.

 

Zwischen den Jahren

"Lebendigkeit entsteht, wenn uns eine Bewegung,

eine Begegnung oder eine Berührung überrascht.

Sie lässt sich weder mechanisch erzeugen, noch kann man sie beherrschen.

Um uns lebendig fühlen zu können, müssen wir riskieren Fehler zu machen.

Lebendigkeit ist das Gegenteil von Routine.

Wer sein Leben unter Kontrolle hat, ist tot."

Natalie Knapp, Der unendliche Augenblick

 

Wie Recht sie doch hat, die Natalie Knapp aus Berlin: "Lebendigkeit ist das Gegenteil von Routine." Doch es fordert nicht nur ein anderes Denken, sondern auch den berühmten ersten Schritt, um das Gewohnte zu verlassen. Ja, noch etwas Mut und Vertrauen brauchen wir auch.

Das erste Adventwochenende war für mein Team im Tilo, für die interessierten Menschen im Lehrgang für Logotherapie und für mich alles andere als "gewohnt". Es war das Prüfungswochenende am Endes des zweiten Jahres.

 

Eine Prüfung ist eine Forderung. Ich meine nicht die Prüfungen des Lebens sondern die Prüfungen des Systems.

Das System verlangt eine Prüfung, die man erfüllen soll, man soll das lernen und ausspucken, was bekannt ist und was Prüfer bereits wissen.

Wie sind Prüfungen eigentlich entstanden?

Wer kam auf die Idee, Menschen zu fragen, was er selbst schon weiß?

Bei den messbaren Prüfungen, bei den Fakten und Theorien geht es um etwas, das feststeht.

Eigene Gedanken und Ideen sind nicht gefragt, trotzdem sind sie in jeder und jedem da.

 

Man hielt nur noch das für wahr, was zählbar, messbar oder wägbar war

und leugnete schließlich sogar die Wirklichkeit aller Qualitäten,

weil die eben nicht durch ein quantifizierendes Denken zu erfassen sind.

Schönheit ist nun einmal nicht messbar, dennoch gibt es sie.

Aber ihre Wahrnehmung ist nicht vom Wahrnehmenden zu trennen.Michael Ende, Mehr Phantasie wagen

 

Ich verstehe Prüfung als Auseinandersetzung mit etwas, das mich interessiert, vielleicht fasziniert,

mit einer Theorie, einer Idee – mit etwas, das mich herausfordert, weil es mit mir zu tun hat.

Es ist das Schöpferische, in dem der Mensch seine Lebendigkeit und Kreativität ausdrückt.

 

Ja, wir haben den interessierten Menschen im Lehrgang vertraut und ihnen ihre Freiheit zugemutet und auch zugetraut. Jede und jeder konnte frei wählen, wie er seine Erfahrungen mit den Inhalten der Logotherapie zum Ausdruck bringt, gestaltet und anderen mitteilt.

Wir erlebten ein Miteinander, das im Berührtsein überrascht und über die Vielfalt der kreativen Ideen dankbar staunen lässt.

 

Wir sollten uns selbst, mehr Phantasie und Kreativität zumuten und zutrauen - das Leben hält es aus und unsere Gesellschaft hat Kreativität dringend nötig.

 

Der Mensch möchte sich wieder in einem ganz anderen,

viel größeren Zusammenhang hineingestellt sehen,

aus dem sich der unschätzbare Wert jedes einzelnen Menschen neu ergibt.

Michael Ende, Mehr Phantasie wagen