Neuigkeiten und Gedanken


Dezember 2018

Will das Glück nach seinem Sinn
Dir was Gutes schenken,
Sage Dank und nimm es hin
Ohne viel Bedenken.

Jede Gabe sei begrüßt,
Doch vor allen Dingen:
Das, worum du dich bemühst,
Möge Dir gelingen.

Wilhelm Busch

 

Immer öfter und immer intensiver wird mir bewusst, dass ich das Glück habe in einem Land zu leben, in dem ich mit Gutem beschenkt werde. Mit dem guten Wasser, das mir mit einem Griff zum Wasserhahn zur Verfügung steht, werde ich täglich beschenkt. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die mich mit einer großen Verlässlichkeit mitnehmen, wenn ich sie benötige. Mit kulturellen Höhepunkten kann ich mich verwöhnen lassen und nicht zu letzt kann ich frei entscheiden, von welchen äußeren Beeinflussungen ich mich distanzieren möchte.

Am 1. Dezember habe ich mit meinem Team im Tiroler Institut für Logotherapie den 12. Lehrgang für logotherapeutische Lebensberatung erfolgreich beendet und es ist etwas sehr Gutes. womit mich das Leben beschenkt hat. Ja, natürlich steckt dahinter jahrelange intensive Arbeit und ein großes Interesse daran, wonach Menschen in ihrem Leben suchen.

Zu entdecken, dass wir unser Daseinsrecht nicht erleisten müssen, gehört für mich zu den wertvollsten Erkenntnissen. Solch ein Entdecken ist einem Samen ähnlich, der langsam wächst und auf einmal zu einer Pflanze wird, die Segen bringt. Es ist ein AHA-Erlebnis. Irgendwie hat man es immer geahnt, dass man sich das "Geschenk Leben" nicht durch Leistung verdienen kann, doch es war einem nicht bewusst.

Der Advent wäre eine gute Möglichkeit, dem Leben selbst Raum zu geben und wieder zu spüren, wie wenig wir bräuchten, um von innen zufrieden zu sein.

November 2018

Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören,
ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und,
wenn es möglich zu machen wäre, ein vernünftiges Wort sprechen.

Johann W. v. Goethe

 

Mit Musik beginne ich sehr oft meinen Tag, wenn ich nicht sofort am Morgen aus dem Haus muss. Gedichte zu lesen ist für mich eine sehr inspirierende Möglichkeit meiner Seelenlandschaft Gutes zu tun. Manche Gedichte gefallen mir so gut, dass ich sie öfters lese und irgendwann habe ich sie mir gemerkt. "Gedichte sind Sonntage der Gedanken",  meinte Friedrich Schlegel, ein deutscher Philosoph. Ich brauche sie immer wieder, die Sonntage der Gedanken.

Neben meinen kultuellen Interessen informiere mich über das Weltgeschehen in seriösen Medien, z. B. im ORF Radiosender Ö 1 und in DIE ZEIT. In der Ausgabe 45/2018 schreibt Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland im Artikel "Verteufelt nicht das Digitale": "Fake-News und Hassbotschaften erzeugen höhere Klickzahlen und längere Verweildauer im Internet."Als ich das gelesen habe, fragte ich mich, was bringt Menschen dazu Hassbotschaften zu lesen? Ich weiß es nicht, weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass diese Art von Beschäftigung der Seele gut tut. Vielleicht sind es Menschen, die selbst einiges an Enttäuschungen und Verletzungen erlitten haben. Bedford-Strohm schreibt weiter: "Unsere Verletzlichkeit als prägendes Element unseres Menschseins ernst zu nehmen bedeutet eine klare Absage an den Transhumanismus, der hinter vielen Allmachtsfantasien des digitalen Zeitalters steht."

Was macht unser Menschsein aus, wenn wir den Algorithmen und den Fake News zu viel Einfluss gewähren?

Wir alle können dazu beitragen, dass wir verständnisvoller und liebevoller miteinander umgehen. Dazu brauchen wir Inspiration, die von leibhaftigen Menschen kommt - so wie Gedichte, Musik und Malerei.

Viel Freude beim Finden von "mehr als nützlichen Dingen".

Oktober 2018

Ich meide gesellschaftliche Anlässe, finde nichts langweiliger als Leute,

mit denen kein Gespräch, nur Konversation möglich ist.

Erika Pluhar in ihrem Roman: Spätes Tagebuch

 

Ich kenne einige Menschen, die sich nach einem guten Gespräch sehnen. Meistens wünschen wir uns dieses dann, wenn wir uns in einem Zustand befinden, in dem wir der Erfahrung von Sinn fern sind. Wir fühlen uns emotional ausgebrannt oder verlassen, erfolglos oder unnütz und empfinden manchmal auch eine Wut über die Ungerechtigkeit der Welt. Dann wünschen wir uns jemanden, der unseren "Weltschmerz" versteht und uns zuhört.

Früher bezeichnete man diesen "Weltschmerz" auch als Schwermut oder Melancholie, ohne diesen Zustand sofort als Krankheit zu diagnostizieren. Der melancholische Mensch sehnt sich nach Beziehung und Begegnung mit Menschen, die seinen seelischen Zustand verstehen.

Man sehnt sich nach der Freundschaft mit dem Lebendigen. Oft finden wir dieses Lebendige in Romanen und in der Musik. Je größer die Forderung nach Funktionalität wird, um so intensiver wird der Wunsch nach einem tiefsinnigen Leben.

Wir brauchen Begegnungen und Räume, in denen man sich von sich selbst, von eigenen und fremden Ansprüchen entlastet. Die Melancholie wäre eine Möglichkeit, diese Sehnsucht ernst zu nehmen und ihr Zeit zu schenken. Es erfordert auch Mut die eigene Seelenlandschaft in Worte zu fassen und es gehört zum Gelingen des Lebens jemanden zu finden, der uns ohne Handlungsanweisungen zuhört.

 

September 2018

Wenn wir unsere Grenzen erkennen,

können wir auf die ängstliche Suche nach dem makellosen Leben verzichten.

Desmond Tutu

 

Die eigenen Grenzen erkennen, ist eine gute Möglichkeit das Sinnvolle im Leben zu entdecken. Das Sinnvolle ist ja nicht immer das Angenehme und Bequeme, sondern etwas, das mich innerlich erfüllt. Gerade das, was uns Erfüllung schenkt fordert unsere Begeisterung und manchmal auch Leidenschaft. Menschen, die sich von Musik oder Literatur, von der Schönheit der Natur oder von der Malerei berühren lassen, suchen nicht so sehr nach dem makellosen Leben. Die meisten wissen, dass es kein makelloses Leben gibt. Wer Sonnentage zum Ideal stilisiert war heuer im Sommer gut dran. Doch die Schattenseite des schönen Wetters war der mangelnde Niederschlag. Ganz ähnlich ist es mit unseren persönlichen Grenzen. An manchen Tagen bewältigen wir unsere alltägliche Arbeit und einiges mehr ohne Anstrengung und es läuft wunderbar. Aus heiterem Himmel tauchen Tage auf, in denen uns das Alltägliche schwer fällt und ernorm viel Kraft kostet. Die eigenen Grenzen sind manchmal launisch und in vielen Situationen verstehen wir uns selbst nicht. Manchmal sind Dinge weder richtig noch falsch - sie sind wie sie sind und lassen sich nicht ändern.

Für mich hängt das Erkennen meiner Grenzen eng mit meinem Vertrauen ins Leben zusammen. Als erstes nehme ich wahr, dass mir z. B. das Schreiben sehr schwer fällt. Diese Wahrnehmung übergehe ich meistens und erst, wenn ich richtig müde werde, bemerke ich, dass ich erneut über meine Grenzen gegangen bin. Mittlerweile stehe ich schneller vom Schreibtisch auf, mach mir einen Tee und eine Pause, in der ich nichts tue oder ich gehe in den Garten oder lege mich nieder.

Immer wieder staune ich, wie leicht mir anschließend das Arbeiten fällt. Ein makelloses Leben gibt es nicht und ein ständiges Pausenlos schadet unserer Lebensfreude.

 

 

August 2018


Eines Tages, Baby, werden wir alt sein.

Oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken,

die wir hätten erzählen können.

Julia Engelmann

 

Ich lasse mich nicht nur von Menschen inspirieren, die ich persönlich kenne, auch nicht nur von Büchern, die ich selbst entdecke - meiner Tochter verdanke ich den Hinweis auf Julia Engelmann und den Slam "Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. . . " Meiner Tochter und Julia Engelmann danke ich sehr, dass sie mich zu diesem Text inspiriert haben. Und für alle, die den hörens- und sehenswerten Slam anschauen wollen - hier ist der Link:

 

66 Jahre bin ich

wann werde ich alt sein?

 

Ich denke an so viele schöne Geschichten,

die ich erzählen kann.

Es wird Zeit, dass ich es tu.

 

Wer bin ich?

Ich bin die Meisterin der Rücksichtnahme,

wenn es darum geht, dass es anderen gut geht.

Ein Helferlein vom Feinsten

und ich lass mich von vielem begeistern

und dann?

Dann habe ich vieles von dieser Begeisterung umgesetzt.

Ich denke manchmal zu wenig und

warte nicht ab.

Ich nehme mir viel vor

und schaffe auch viel – aber nicht alles.

Ich zweifle selten – vielleicht zu selten

halte mich nicht zurück,

wenn es um Arbeit geht.

 

Ich sage vieles – zu viel

und mittlerweile kann ich auch still sein.

Es gibt noch viel zu tun

doch die Listen werden kürzer

dafür persönlicher.

 

Alles werde ich nicht mehr schaffen aber ich fang jetzt mit dem nächsten Schritt an.

 

 

66 bin ich

alt komme ich mir nicht vor

ich hab viel erlebt und

sehr viel bewältigt

 

UND JETZT?

 

 

Lerne ich die gute Passivität neben dem Aktiven

Pflanzen einsetzen, neues Buch schreiben

und wenn es für mich reicht

dann schaff ich es mich hinzusetzten

ich genieß den Blick auf die Blumenwiese

auf die Hohe Munde

und höre die Vögel

 

Lebensfreude und Dankbarkeit

und diese Art von Geheimnis

ist nicht zu beschreiben

gefühlte Geborgenheit

 

Ich wache am Morgen gerne auf

freue mich auf die Ruhe beim Frühstück

und Musik oder Stille.

 

Angeregt durch Julia Engelmann

 

 

 

Juli 2018

Vertrauen ist eine innere Gewissheit ohne Beweise

Giovanni Maio, Vortrag Goldegger Dialoge 2014

 

Wir alle kennen das Sprichwort "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser". Wer dies ernst nimmt, erlebt, dass dies ein sehr anstrengendes Leben ist. Da wir ohnehin nicht alles planen können und schon gar nicht alles kontrollieren, könnten wir unser Vertrauen ins Leben stärken und den Gedanken umdrehen "Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser".

Die seelische Widerstandskraft, die Resilienz, beruht auf dem Vertrauen ins Leben, auf dem Bewusstsein sein Bestes gegeben zu haben, auf dem „Trotzdem" und auf der Fähigkeit dem Leben Freund oder Freundin zu sein.

 

Vielleicht bedeutet das Leben lieb zu haben die Fragen lieb haben, welche uns das Leben stellt. Das Leben fragt im Laufe unseres Lebens sehr Unterschiedliches. In jungen Jahren fordert das Leben etwas Anderes als in der Mitte des Lebens. Vor allem fragt es uns nicht nur nach Aktivität und Nützlichkeit. Das Leben lässt sich manchmal eigenartige Dinge einfallen, damit wir uns der guten Passivität langsam nähern können.

Gerade die Urlaubszeit wäre es eine gute Möglichkeit, sich den passiven Stärken zu widmen. Dabei könnten wir entdecken, dass uns vieles zufällt und dass sich vieles fügt. Zu erkennen, dass es mehr gibt als das, was man planen kann, ist eine wunderbare Möglichkeit das Vertrauen zu stärken.

Juni 2018

Neutrale Informationen gibt es nicht.

Alles Wissen ist eine Folge unserer Deutung von Daten.

Wissenschaft ist nicht objektiv.

Sie ist nur eine von vielen möglichen Arten,

Information über die Wirklichkeit zu sammeln.

Natalie Knapp, Der Quantensprung des Denkens

 

Die Daten sind eine eigene Welt. Der Schutz unserer persönlichen Daten hat durch die neue Verordnung, die seit Mai gültig ist einigen Ärger und Empörung ausgelöst. Mich hat dieses Gesetz zum Nachdenken angeregt - ja ein bissl Arbeit hatten wir im Institut auch - und zum Abmelden jener Newsletter, die ich nie bestellt habe.

In "DIE ZEIT" habe ich einen lesenswerten Artikel gelesen und wieder einmal etwas gelernt: "Seit zwei Jahren steht das neue Recht mit dem uncoolen Namen, ab diesem Freitag gilt es. Was die Europäer so schlecht verkaufen, ist der Grund, warum die Großen des Silicon Valley erstmals gebannt auf die Alte Welt schauen. Sie können vielleicht Algorithmen, aber Europa kann Datenschutz."

Wer meine monatlichen Gedanken liest, erwartet wahrscheinlich anderes. Im Mai habe ich mir selbst ein Geschenk gemacht: Ich war an drei Abenden zum Prometheus Projekt im Musikverein in Wien und habe Franz Welser-Möst und das Cleveland-Orchester erleben und genießen dürfen. Prometheus, der laut griechischer Überlieferung aus dem Göttergeschlecht der Titanen stammt, hatte den Menschen das Feuer gebracht, um sie zur Selbständigkeit zu befähigen. Ein Gedanke, den wir heute gut gebrauchen können. Wo ist das Feuer, das wir heute brauchen würden? Für mich liegt es immer wieder in der Musik. Der Konzertsaal war diesmal eine Art "Akademie" um Menschen aufzurütteln und zu ermutigen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Für mich selbst war es eine Art Bejahung zu mir selbst - dass ich doch sehr vieles selbst in die Hand genommen habe.

 

Apropos Newsletter: Im Tiroler Institut für Logotherapie haben wir einen Newsletter, der nicht nur auf Veranstaltungen hinweist, sondern auch einen Buchtipp enthält und Sehenswertes zum Anschauen oder Hören.

Sie könne sich gerne auf unserer Homepage anmelden.

Meinen Vortrag "Herzenskraft und Denkvermögen" vom 28. April in Chur ist auf der Aktuell-Seite des Tilo zum Downloaden.

Mai 2018

Vom Erkennen über das Wollen zum Tun.

Das ist der magische Dreiklang für jede persönliche Entwicklung.

Nina Ruge, Sei DU der Leuchtturm deines Lebens

 

Der magische Dreiklang - diese Formulierung hat mich inspiriert und zum Nachdenken angeregt. Nina Ruge beschreibt in ihrem Buch nicht nur alltägliche Aktivitäten, sondern sie stellt Fragen über die es sich lohnt nachzudenken. Sie lädt ein, sich bewusst zuwerden WOFÜR wir manche Dinge tun oder unterlassen.

Letzte Woche hatte ich eine Lesung in Wien und einen Vortrag im Logotherapieinstitut in Chur. Für beide Termine habe ich mir einen Plan zurechtgelegt, um am Ende der Woche festzustellen, dass nichts eingetroffen ist, wie ich es geplant hatte - trotzdem ist alles gelungen. Eine plötzliche Aufgabe in der Familie durchkreuzte meine Vorbereitung für ein Handout, mein Auto hatte einen Fehler in der Elektronik und ich bekam es nicht zum vereinbarten Zeitpunkt. Woher meine vertrauensvolle Gelassenheit kam, kann ich nicht erklären. Doch die Erfahrung, die eigene Planung als gescheitert zu betrachten und dann dem Leben die Regie zu überlassen war ein ganz besonderes Geschenk.

In der Logotherapie reden wir immer davon, dass das Leben fragt und wir antworten. "Nichts geschieht wie geplant und alles gelingt." Ich habe von diesem Phänomen oft gelesen und hab es auch schon selbst erlebt. Doch noch nie in der Folge von sechs Tagen. Ich staune noch immer und freue mich über sehr viele neue Begegnungen mit Menschen. Das wünsche ich Ihnen auch.

April 2018

Humanität besteht für mich darin,

nicht im Stich zu lassen.

Sich nicht und andere nicht.

Und nicht im Stich gelassen zu werden.

Das ist die Mindest-Utopie,

ohne die es sich nicht lohnt Mensch zu sein.

Hilde Domin

 

Was könnte das bedeuten, sich selbst nicht im Stich zu lassen?

Diese Frage erwartet keine Antwort, die ein Leben lang gilt. Es tut einfach gut, sich diese Frage immer wieder einmal zu stellen und auf sich selbst neugierig zu sein: Was antworte ich heute darauf? Manchmal toleriere ich mich, dann wieder akzeptiere ich mein Tun und in seltenen Momenten habe ich Respekt vor mir. Der Respekt vor anderen und das Staunen über deren Leben fällt mir viel leichter - als der Respekt vor meinen Entscheidungen und Handlungen und Unterlassungen.

Schon lange denke ich über die unterschiedlichen Haltungen von Toleranz, Akzeptanz und Respekt nach. Welche Verhaltensweisen von mir selbst dulde ich an mir? Ich weiß. dass tolerieren nur über einen kurzen Zeitraum möglich ist. Wenn das Leben überwiegend aus Duldung besteht verschwindet die Lebensfreude schneller als man meint. Das Akzeptieren fordert mich auch heraus. Vor allem verlangt es von mir, die oberflächlichen Beschwichtigungen zu verlassen und tiefer in einen Prozess einzutauchen. Da ist das Akzeptieren anderer Standpunkte, die Anerkennung von Leistung und das Einverständnis mit Situationen, die ich nicht ändern kann.

 

Ich weiß, dass bei vielen Menschen das Wort Respekt Unbehagen auslöst. Dann ist es wesentlich "sich nicht im Stich zu lassen" und ein anderes Wort zu suchen: Anerkennung, eine hohe Meinung. Wertschätzung, Ehrfurcht, Ehre . . . .

Ich mag nicht nur das Wort Respekt, sondern die Idee, die diese Buchstaben in mir auslösen: Ich trete einen Schritt zurück. Ich staune. Ich nehme wahr wie auf meinem Gesicht ein leises Lächeln entsteht. Ich spüre, wie mich das Berührtsein eines Menschen im guten Sinn bescheiden macht, wie die Knospen an den Pflanzen meine Freude über die wärmere Jahreszeit nähren und wie die Zeit, in Ruhe nachdenken zu können, mir gut tut. UND ganz Ähnliches wünsch ich allen, die diese Zeilen lesen.

März 2018

Eine Aktivität aber, die die Kunst der Passivität nicht kennt,

wird bedenkenlos, ziellos und erbarmungslos.

Die passiven Stärken des Menschen gehen verloren:

die Geduld, die Langsamkeit, die Stillefähigkeit, die Hörfähigkeit,

das Wartenkönnen, das Lassen, die Gelassenheit;

um zwei alte Worte zu nennen: die Ehrfurcht und die Demut.

Fulbert Steffensky

 

Immer wieder brauche ich viel Zeit, um nachdenken zu können. Mir fallen dann Gedanken zu oder ein und diesen Gedanken möchte ich eine Landebahn bauen, damit sie nicht der Diktatur der Schnelligkeit zum Opfer fallen. Die Gedanken können lustig sein und richtig schräg - und wenn ich mir Zeit nehme, dann beginnen diese Gedanken zu wachsen. Vor kurzem fiel mir der Begriff "Stimmung der Gereiztheit" zu und folgende Zeilen sind daraus entstanden:

 

Da spricht jemand die Stimmung der Gereiztheit an und ich fühle mich verstanden, ertappt und betroffen. Also ist das, was ich empfinde auch anderen bekannt!

Gereizt, was ist das eigentlich? Wer gereizt ist, ist nicht reizend.

Taucht im Körper eine Reizung auf, dann wird der betroffene Bereich ruhig gestellt und gepflegt. Die Reizung wird nicht gepflegt, sondern der Körper.

Die Stimmung der Gereiztheit ist nicht mittels Barometer messbar, doch die meisten spüren die angespannte Atmosphäre. Jede Form von Gereiztheit stört die gute Stimmung. Gereizt ist anders als verärgert. Gereizt ist so ähnlich, als ob man darauf wartet, dass die Mücke sticht, deren Surren man schon lange gehört hat. Der Ärger kommt manchmal aus dem Nichts. So wie eine Mücke, die plötzlich sticht. Dann betupft man den Stich und nach mehr oder weniger Zeit ist der Ärger verflogen.

In der Stimmung der Gereiztheit erwartet man fast den nächsten Stich.

Wie entsteht eigentlich Gereiztheit? Einfach gesagt durch das Zuviel. Vielleicht auch durch Zuwenig. Zu viele Möglichkeiten, die man gerade noch bewältigt und zu viele Möglichkeiten, die man tun möchte und nicht kann.

Es ist wie Radfahren mit einer starren Nabe, in der es keinen Freilauf gibt. Ich muss treten, weil das Rad nichts anderes zulässt. Es gibt nur eine Möglichkeit: Absteigen. Das steh ich dann neben dem Rad.

Die Stimmung der Gereiztheit verschwindet leider nicht beim Absteigen. Sie ist immun gegen Argumente und Fakten. Sie will ernst genommen werden, die Stimmung. Die Gereiztheit lässt sich nicht bekämpfen. Sie weicht nur einer anderen Stimmung: Der Zufriedenheit, der Gelassenheit, der Hoffnung. Wahrscheinlich lässt sie sich auch von der Gleichgültigkeit vertreiben. Und was ist dann? Dann ist man nicht einmal gereizt.

 

Wir brauchen Inspiration, Zeit und Muse, um der Zufriedenheit, der Gelassenheit und der Hoffnung einen Raum geben können. Dann könnten wir die Gereiztheit als Signal verstehen die Kunst der Passivität zu lernen.

 

Februar 2018

Die Selbstachtung kann man nicht nur verlieren,

indem man etwas tut, was eine innere Grenze überschreitet.

Man kann sie auch verlieren,

weil man nicht bereit ist,

die Verantwortung für sein Leben zu übernehmen.

Peter Bieri

 

Was Peter Bieri als ersten Gedanken beschreibt, habe ich einige Male erlebt. Ich dachte, es geht meinem Gegenüber besser, wenn ich darauf verzichte, meine Meinung zu sagen oder mir Zeit für ein Gespräch nehme obwohl ich etwas anderes tun wollte. Lange habe ich gebraucht, um zu mich fragen, ob ich dann auch die Verantwortung für mein Leben nicht übernehme? So einfach ist es nicht. Wenn mir klar ist, worauf ich verzichte und da gibt es einen guten Grund oder einen Wert, dann übernehme ich sehr klar Verantwortung. Schwierig wird es dort, wo der Wert der Rücksichtnahme zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Rücksichtnehmen ist eine gute Sache - allerdings gilt dies für Du und ich. Interesse zu zeigen, wie es Menschen, die mit oder neben mir wohnen geht, könnten wir als Tugend bezeichnen. Eine Tugend ist eine Gewohnheit, die auf das Gute ausgerichtet ist. Eine Tugend betrifft nicht nur eine einzelne Handlung, sondern die innere Haltung eines Menschen.

Ein Mensch, der bereits in seiner Kindheit gelernt hat, Rücksicht zu nehmen hat auch erkannt, dass er nicht allein auf der Welt ist. Verständnis für andere zu haben ist für ihn fast zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Irgendwann kommt auch der verständnisvollste Mensch an die Grenze der Überforderung und dann darf auch dieser lernen, dass der Gedanke von Peter Bieri nachdenkenswert ist.

Verständnis für andere, Rücksicht nehmen und offen sein für andere ist eine wunderbare Lebenseinstellung. Doch wird es zum Prinzip, also zu einem Grundsatz, der unter allen Umständen gilt, dann verändert sich das Gute zum Unguten.

Ein Gespräch mit einem liebevollen Menschen ist immer wieder hilfreich, um uns selbst auf gewohnte Denkmuster aufmerksam zu machen. Auf einmal entdeckt man: "Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur so selten dazu."

 

Jänner 2018

Zweifle nie daran,

dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen

die Welt verändern kann –

tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise,

in der die Welt jemals verändert wurde.

 Margret Mead

 

Immer wieder erlebe ich, dass Menschen die Bedingungen, in denen sie leben eigentlich gut finden. Trotzdem tauchen ziemlich rasch Klagen über dieses und jenes auf, zum Beispiel über die Veränderung des Nichtraucher-gesetzes. Mir gefällt dies Änderung auch nicht und ich freue mich darüber, dass die Ärztekammer ein Volksbegehren einleitet. 

Zu dieser Situation und ganz bestimmt zu vielen anderen Lebenslagen, passt der Gedanke von Friedrich Hölderlin: "Wo die Gefahr ist, dort wächst das Rettende auch!"

Vertrauen und Hoffnung zu beleben, wärmt die eigene Seelenlandschaft und dieses Wärmen gelingt mit Gedichten oder Geschichten oder mit Gedanken von Menschen, die etwas zu sagen haben.

"Mein guter Freund, das wird sich alles geben,

Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben."

Dieser Vers steht in Goethes Faust und regt zum Nachdenken kann. Sich selbst vertrauen ist eine große Herausforderung und wir brauchen Menschen, die uns in unserem Vertrauen stärken.

Viele Begegnungen, in denen Vertrauen entstehen kann, wünsch ich allen, die diese Gedanken lesen.