25 Impulse zum Sinn

September 2021 - September 2022


Viktor E. Frankl 26. März 1905 -  2. September 1997

 

Am 2. September 2022 jährt sich der Todestag von Viktor Frankl zum 25. Mal.

 

Zwischen dem Geburtstag und dem Sterbetag steht auf Grabsteinen ein Gedankenstrich.

"Es kommt nicht darauf an, wie viel Zeit man auf der Erde lebt, sondern wie viel man aus dem Gedankenstrich macht." Dieser Gedanke von Joan Erikson brachte mich auf die Idee aus dem Werk von Viktor Frankl einiges auszuwählen und mit Menschen zu teilen, die an der Existenzanalyse und Logotherapie interessiert sind.

 

Viktor Frankl hat sehr viel aus seinem "Gedankenstrich" gemacht und eine kleine Auswahl davon können Sie im Lauf des kommenden Jahres auf dieser Seite lesen. Ich wähle Gedanken aus, die nicht so bekannt sind und freue mich, wenn mich einige auf dieser "Reise zum persönlichen Sinn" begleiten.

Monatlich werden jeweils zwei Sinnimpulse auf dieser Seite zu lesen sein.


Gedanken von Viktor E. Frankl

September 2021

„...es gibt keine wertfreie Psychotherapie,

sondern höchstens eine wertblinde.

Und sie ist dann wertblind, wenn sie geist-los ist,

denn so wie es einstmals eine Psychologie

ohne Seele gegeben hat,

so gibt es auch jetzt noch

eine Psychotherapie ohne Geist.“

Gesammelte Werke Band 3, Seite 290


Haben Sie das auch schon erlebt? Ihnen fallen plötzlich Gedanken oder Ideen ein, die nichts mit dem zu tun haben, womit Sie sich im Moment beschäftigen. Früher hat mich mein Verstand ermahnt, doch bei der gegenwärtigen Sache zu bleiben. Allmählich habe ich mich von dieser Ermahnung gelöst. Durch näheres Betrachten der „zufliegenden“ Gedanken hat sich meine – aus dem Verstand kommende – Ablehnung in eine geistige Offenheit verwandelt. Diese Offenheit konnte ich durch das Gedankengut der Logotherapie in mir stärken und dadurch ist mein Vertrauen ins Leben selbst immer größer geworden.

 

Viktor E. Frankl hat die geistige Dimension als die eigentlich menschliche angesehen, die spezifisch humane. Sehr oft denken Menschen, Geist und Verstand seien identisch. Das stimmt nicht. Allerdings werden wir keine befriedigende Erklärung finden, um Unterschiede zwischen Geist und Verstand für alle zufriedenstellend zu beantworten.

Wenn man sich Zeit nimmt, diesem Phänomen des Geistigen mit Staunen zu begegnen, dann entstehen im Dialog mit sich selbst und mit anderen immer wieder neue lebenswerte Möglichkeiten.

Um zwischen Geist und Verstand, eine Unterscheidung wahrnehmen zu können, lohnt sich eine kleines persönliches Experiment. Schreiben die Sie die Buchstaben "Geist" und "Verstand" untereinander und schreiben Sie zu diesen Buchstaben Begriffe dazu, die Sie mit den beiden Worten verbinden.


Fragen als Entdeckungsreise zur geistigen Dimension

Welche Begriffe fallen mir zur Unterscheidung von Verstand und Geist ein?

Kann ich plötzlich „zufliegenden“ Ideen eine Landebahn bauen?

Verlange ich von mir alles „richtig“ zu verstehen?

Worüber kann ich noch staunen?


Gedanken von Viktor E. Frankl

September 2021

"Die Logotherapie ist keine universelle Antwort

und kein Heilmittel.

Es gibt überhaupt keine universellen Allheilmittel . . .

denn jeder menschliche Versuch,

der Wahrheit auf medizinischem

oder psychiatrischem Weg

teilhaftig zu werden, ist dazu verurteilt,

unvollständig zu bleiben

und durch andere Annäherungsweisen

ergänzt werden zu müssen."

Gesammelte Werke Band 2, Seite 84


Die Würde des Menschen steht für Viktor Frankl im Zentrum seiner Sinnlehre. So wie ich ihn verstehe, lasse ich meine Würde aufleuchten, in dem ich meine Freiheit lebe und dafür die Verantwortung übernehme.

Ich bin Mensch und nur dadurch menschlich, weil ich nicht perfekt bin. Weil ich einmalig und einzigartig bin, kann ich nicht perfekt sein, sofern das Perfekte an einem allgemein gültigen Maßstab gemessen wird. Dieser Zuspruch, mein Maß und mein Mensch-Sein zu finden, hat mich an der Logotherapie fasziniert und begeistert mich bis heute. Verständlicherweise veränderte sich mein Maß im Laufe des Älter-Werdens.

Im Lebenswissen der Logotherapie geht es um Menschlichkeit und damit unterscheide ich mich - sofern ich menschlich bin - grundlegend von jeder Maschine und jedem Computer. Die Zeit, in der ich lebe, wird von einer funktionalen Machbarkeit und einer eiskalten Kontrolle bestimmt.

Am Beginn meiner Ausbildung sagte Günter Funke: "Person sein heißt Freiheit und Person sein ist Verantwortung. Es geht nicht darum Normen und Vorschriften zu erfüllen, sondern um personale Begegnung. Man kann eine Ideologie nicht mit einer anderen Ideologie bekämpfen."

Wird Freiheit zur Ideologie, dann verwandelt sie sich in Willkür. Dann erwarten einige, dass ihre Freiheit akzeptiert wird und das ohne Rücksicht auf Verluste.

Menschlichkeit ist nicht vererbbar. Ich und wir alle müssen uns Humanität immer wieder neu erarbeiten.

Freiheit ist nicht durch Freiheit begrenzbar - freie Menschen schließen neue Räume auf und jeder Raum hat seine Grenze. Jemand, der genügend Raum hat, kann Grenzen respektieren. Die Sinnlehre von Viktor Frankl eröffnete mir jenen Raum, in dem ich mich und das, was mir am Herzen liegt entdecken konnte.

Der Zuspruch, dass ich mein Leben sinnvoll bewältigen kann ohne Wenn-Dann-Strategien exakt einzuhalten hat mich befreit. Einfacher ist durch diese Erkenntnis mein Leben nicht geworden, doch erfüllter, fröhlicher und von großer Dankbarkeit erfüllt.


Fragen als Entdeckungsreise zu sich selbst

Gebe ich mir genügend Raum für das, was mir am Herzen liegt?
Kann ich mir diesen Raum auch nehmen?
Welche Raumgreifer bedrängen meinen Raum?
Welche Ängste kommen auf mich zu?
Wie schütze ich mich davor?