Die Freiheit geht auf leisen Schritten durch die Welt.
Sie weiß um ihr Bedroht-Sein und ihre Mängel und darum posiert sie nie mit Fahnen und Parolen.
Aber wenn du einem Menschen begegnest, der sie in Ansätzen besitzt,
wird die Welt ein wenig heller.
Reinhold Stecher

Am 8. Dezember fand zum 10. Mal der „Stecher-Advent“ in der Spitalskirche in Innsbruck statt.
Angelica Ladurner las aus der Predigt, die Bischof Reinhold Stecher zu Silvester 1995 im Dom zu Innsbruck gehalten hat. Die Bildersprache von Reinhold Stecher ist legendär und zu dieser Predigt lädt er uns ein, auf verschiedenen „Bänken“ Platz zu nehmen.
„Diese Bank, zu der ich sie einlade, ist zunächst einmal eine Ruhebank, eine Bank der Besinnung und der Er-Innerung im wahren Sinn des Wortes, wo man Ereignisse, Geschehnisse und Begegnung sich innerlich zu eigen macht, eine Bank, auf der man auf Sinnsuche geht. Es sollte nicht eine Bank zum Träumen sein. Wer angesichts der Geschichte träumt, gerät in eine doppelte Gefahr: Er verfällt entweder in die Verklärung der Vergangenheit, in die nostalgische Illusion, oder in die Utopie der Zukunft, den wirklichkeitsfernen Wunschtraum. Die Rast auf der Silvesterbank im Ufer der Geschichte sollte Traum für eine vertiefte Erfassung der Wirklichkeit bieten, der verborgenen Wirklichkeit, die sich dem erschließt, der mit dem Herzen und dem Glauben schaut. Zuallererst brauchen wir als Christen heute die Ruhebank.“
Der Christ und die Geschichte
„Aber die Auseinandersetzung mit der Zeit und der Geschichte in Welt und Kirche lädt uns auch auf die Schulbank ein. Es ist die Heilige Schrift selbst, die uns dazu aufruft: „Denk an die Tage der Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte!“ (Deuteronomium 32) Die Schulbank der Weltgeschichte wird von vielen Menschen geschwänzt. Sonst wäre es nicht möglich, dass sich so viel Unsinn wiederholt. Irgendwo ist es doch deprimierend, dass manche Leute in Österreich und anderswo die verheerendsten Fehlhaltungen aufwärmen, die die größten Tragödien dieses Jahrhunderts verursacht haben. Auch in der Kirchengeschichte würde ein wenig Schulbank nicht schaden. Man käme dann drauf, was für Folgen es hat, wenn man sich von der Mitte der Botschaft entfernt. So mancher Bruch könnte vermieden werden. Auf der Schulbank der Geschichte würde aber auch Positives bewertet werden. Man könnte mit dem Blick auf vergangene Zeiten auch die Gegenwart mit größerer Dankbarkeit betrachten, und über manche Entwicklungen froh werden. Es gibt mehr Menschlichkeit, mehr Rechtssicherheit, mehr soziales Empfinden als in der sogenannten guten alten Zeit. Es gibt im christlichen Raum weniger böse Vorurteile. Vor einiger Zeit hat mir eine alte Frau erzählt, dass sie als Achtjährige bei der Prozession kein Blumenkörbchen tragen durfte, weil sie ein lediges Kind war. Sittenstrenge „gute alte Zeit“? Ich würde in diesem Falle sagen „pharisäisch-hartherzige, schlechte alte Zeit“. Auf der Schulbank der Geschichte kann man beides lernen, die Warnung vor dem Negativen und die Dankbarkeit für alles Positive. Aber man muss sich halt hinsetzen, auf die Schulbank, mit einer gewissen Lernbereitschaft und der Liebe zur Wahrheit …. Denk an die Tage der Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte!“
„Vielleicht empfinden manche die Bank vor dem Strom der Geschichte als eine Wartebank, die die Geduld strapaziert. Es geht doch so vieles zäh voran, in Welt und Kirche, mit unzähligen Hindernissen, Verzögerungen und Aussichtslosigkeiten. Wir sind nun einmal ein auf Effizienz, Erfolg und rasche Ergebnisse getrimmtes Geschlecht. In diesem Jahrhundert war doch der große Trommler der Geschichte der Fortschritt. Und so fällt uns die Wartebank oft schwer. Aber alles, was mit dem Wandel der Herzen und der Gesinnungen zu tun hat, läuft nicht schnell. Damit will ich keineswegs sagen, dass man die Hände auf die Wartebank in den Schoß legen soll, aber an einer christlichen Tugend kommen wir angesichts des Stroms der Geschichte nicht vorbei: Der Geduld.“
für die Entfaltung eines menschlichen Lebens.
Peter Jungmann leitet den Bischof-Stecher-Gedächtnis-Verein. Er hat mich eingeladen, beim 10. Stecher-Advent einige Gedanken zu teilen.
Auf die Ruhebank lasse ich mich gerne einladen, jedoch weniger um „fit zu werden“ für die nächsten Aktivitäten, sondern um die gute Passivität bewusst zu genießen und nachzudenken.
Die Schulbank der Geschichte mag ich ganz besonders und ich staune über viele Ereignisse des 20. Jahrhunderts, die Mut machen und Hoffnung vermitteln.
Wenn Sie an Ihre Lebenszeit denken:
Welches Ereignis aus der Geschichte fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an Ihr Leben denken?
Wohin wandern Ihre Gedanken?
Mir fällt zu allererst der 9. November 1989 ein, der Fall der Berliner Mauer und unmittelbar danach die „samtene Revolution“ in der Tschechoslowakei, das Ende der Apartheid in Südafrika sowie die Wahrheits- und Versöhnungskommission, die Desmond Tutu angeregt hat.
Die Abschaffung der Rassentrennung geschah in den USA im Juli 1964 durch den Civil Rights Act. Bis dahin hat die Doktrin gegolten „Separat but equal“ – Getrennt aber gleich. Der Film „Gleicheit kennt keine Farbe“ dokumentiert den langen Weg der Bevölkerung bis es möglich wurde, dass Weiße und Schwarze nicht mehr getrennte Schulen besuchen mussten.
Als die Charta der Menschenrechte am 10. Dezember 1948 veröffentlicht wurde, war ich noch nicht auf der Welt. Seit 1948 wurde die Erklärung in mehr als 360 Sprachen übersetzt, und ist damit das am häufigsten übersetzte Dokument der Welt.
Diese außergewöhnlichen Ereignisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts wären wohl nicht notwendig gewesen, hätten Menschen zuvor nicht an Unfreiheit und Unmenschlichkeit gelitten. Diese „guten Dinge“ wurden möglich, weil die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit größer war als die Akzeptanz unmenschlicher Diktaturen.
Genau darin liegt für mich das Vertrauen in eine unbeirrbare Hoffnung: Der Wille des Menschen zu leben und zu bestehen ist stärker, als der Wunsch das Leben auszulöschen.
Dieses Vertrauen stärken, dazu können wir alle etwas tun. Vertrauen gelingt durch Ermutigung und dem Bewusstmachen, dass die eigenen Fähigkeiten und Kräfte reichen. Besonders Kinder und Jugendliche brauche unseren Zuspruch und unsere Zuversicht. Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen Belohnung und Ermutigung. Belohnung erhält ein Kind gewöhnlich für etwas, das es gut gemacht hat, für etwas Erreichtes, wie klein es auch sei, Ermutigung braucht ein Kind vor allem dann, wenn etwas nicht so gelingt, wie erwünscht.
Einem Kind dann zu sagen: „Du trägst alles in Dir, was Du brauchst! Ich glaub an Dich, denn als Gott Dich schuf, wollte er angeben.“

Begonnen habe ich meine Gedanken mit einem Gedicht von Boris Pasternak:

Erfolg und Glück sind nicht das Wahre
das ist es nicht, was uns erhebt
es lohnt nicht, dass man bange Jahre
an alten Manuskripten klebt
Des Schaffens Ziel ist Selbsthingabe, und nicht Erfolg und lautes Schrei’n
und Schmach ists, ohne Wert zu haben, ein Spruch in aller Mund zu sein

Dein Weg wird auf lebendigen Fährten einst Andern Stuf‘ um Stufe klar,
doch selber darfst du nie bewerten,
was Sieg, was Niederlage war.
Und stehen lassen, was vergebens,
im Schicksal, aber nicht im Werk,
ganze Kapitel seines Lebens
abtun mit einem Randvermerk.
Und keinen Deut von dem aufgeben,
was der Person gehören muss
lebendig bleiben, nichts als leben,
nichts als lebendig, bis zum Schluss.