Alle Verzweiflung besteht letzten Endes in einer Vergötzung,
in der Ausschließlichkeit eines einzigen Wertes,
im alleinigen Geltenlassen
einer einzigen Sinnmöglichkeit.
Viktor E. Frankl
Werte sind eine gute Sache . . . sie werden nur dann zu Tyrannen, wenn man ohne bestimmte Dinge nicht mehr auskommt. Dies betrifft nicht nur materielle Werte, sondern auch individuelle, wie traditionelle Familienfeiern. Auch der Wunsch, es müsse alles harmonisch sein, kann vergötzt werden.

Das Hauptproblem ist der Götzendienst. Zum Götzen werden jene „Werte“, die zur absoluten Voraussetzung werden, um Wünsche zu erfüllen, sich wohlfühlen zu können oder um dazuzugehören.
Urlaube sind eine gute Sache – doch wird das Urlaubsziel zur Bedingung des Wohlfühlens, dann wird der Urlaubsort zum Trugbild. Manche laufen den selbstgestylten Trugbildern hinterher und können nicht mehr wahrnehmen, was außer diesem Wunschziel noch wertvoll ist.
Auf Dauer macht nur das zufrieden, was man schön findet und ohne übermäßigen Einsatz erreichbar ist. Götzen verstellen die Wirklichkeit und wer übersieht, dass sich gute Dinge in Tyrannen verwandeln können, entdeckt oft zu spät, wofür er Zeit und Geld eingesetzt hat.
Wider die Tyrannei der Werte aus einem Vortrag von Günter Funke, Salzburg 1990
Können wir von einer Tyrannei der Werte sprechen?
Oder sind Werte, die tyrannisieren keine Werte mehr?
Grundsätzlich sehen wir in der Existenzanalyse und Logotherapie Werte als bedeutungsvoll und als Basis für ein sinnvolles Leben. Ich meine, dass Werte etwas Gutes, etwas Ermutigendes, etwas Wahrhaftiges beinhalten und dass sich das Wahrhaftige bei der Entfaltung der Werte ausbreitet und zeigt. Werte fordern uns heraus, sie spornen uns an, sie geben uns eine Richtung und sie sind Orientierungshilfe. Sie zeigen, was wir mögen und wohin wir uns bewegen können oder könnten. Werte sind unverzichtbare Wegweiser zu einem gelingenden und sinnvollen Leben. So hat Viktor Frankl einen zentralen Satz der Logotherapie formuliert:
„Den Sinn des Daseins erfüllen wir mit Sinn – allemal dadurch, dass wir Werte verwirklichen.“
Jetzt könnte man sich’s leicht machen und sagen: „Das ist ja wunderbar, wir wissen was Werte sind. Wir sagen euch welche Werte zu verwirklichen sind und ihr werdet ein glückliches Leben führen.“ Jeder Gedanke, jeder Versuch, der sich in diese Richtung bewegt, trifft nicht das, was Viktor Frankl mit der Verwirklichung von Werten meint. Es ist immer wieder erstaunlich, sobald Werte in Gesetzen festgeschrieben werden, verlieren viele ihre Anziehungskraft. Sollen Werte zur Erfüllung unseres Daseins beitragen, können sie nicht verordnet werden. Sie können weder verschrieben noch beschrieben werden. Werte, welche das Leben mit Sinn erfüllen, muss der Mensch mit seinem eigenen Gewissen finden.
„Das Gewissen gehört zu den spezifisch menschlichen Phänomenen. Es ließe sich definieren als die intuitive Fähigkeit,
den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren. Mit einem Wort, das Gewissen ist ein Sinnorgan.“
Viktor E. Frankl
Unser Leben in Raum und Zeit ist aber so angelegt, dass in einer bestimmten Situation immer nur ein Wert wirklich verwirklicht werden kann. Was sind meine Gründe, mich FÜR den einen und GEGEN den anderen Wert zu entscheiden?
„Alles hat seine Zeit“, weiß schon das Alte Testament zu sagen. Welcher Wert setzt sich gegen einen anderen durch? Es ist möglich, dass der Wert, den ich einem anderen vorgezogen habe, sich in Zukunft in einer rigorosen und fanatischen Weise immer wieder durchsetzt. Dann kommt man in die Gefahr des Traditionalismus im eigenen Leben.
Falls Sie die Mitschrift des Vortrages von Günter Funke lesen möchten, finden Sie den Vortrag auf der Seite „Günter Funke“
und auch diese Vergötzung führt zur Verzweiflung –
sofern der Mensch nämlich glaubt, in ihm alles,
das Höchste und Letzte, sehen zu müssen.
„Es gibt nichts, was nicht zum Götzen werden könnte. Die Religionen waren nie frei vom Götzendienst, meistens hat sie Angst dazu getrieben, sich den selbstgeschnitzten Göttern zu unterwerfen. Es sind sozusagen die verständlichsten Götzen, wenn sie auch gefährlich genug waren. Der Hauptgott, der die Welt vernebelt, den Verstand raubt und die Herzen verblödet, heißt Profit.“ So schreibt Fulbert Steffensky und erwähnt auch, dass erst die Kinder oder die Enkel, die „fremden Götter“ ihrer Vorfahren erkennen.
Wir brauchen eine skeptische Vernunft und die Anerkennung der vielfältigen Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen. Dazu kommt die Erkenntnis, dass wir niemals „alles“ verwirklichen können, doch immer etwas. Respekt vor den Werten anderer kann wohl nur entstehen, sofern man das schätzt, was einem selbst viel bedeutet. Die Verleugnung der Vielfalt verhindert gute Gespräche.
Fragen für gute Gespräche verdanken wir Theodore Zeldin.
Der Historiker, Soziologe und Philosoph Theodore Zeldin empfiehlt ein „Konversationsmenü“. Zeldin möchte Menschen anregen, wieder interessante und tiefgründige Gespräche zu führen. Dazu er – teilweise kuriose – Fragen und Themen gewählt. Die Fragen vermeiden Klischeethemen (Und was arbeiten Sie so?) und bieten Antwortmöglichkeiten, auf die das Internet keine Antworten zur Verfügung stellt.
Welche neuen Prioritäten können wir in unserem Privatleben setzen?
Wann sind Sie am tolerantesten, wann am intolerantesten?
Welche Teile Ihres Lebens waren Zeitverschwendung?
Was ist das größte Abenteuer unserer Zeit?
Was haben die Armen den Reichen zu sagen?
Was haben die Reichen den Armen zu sagen?