Geheimnisvoll am lichten Tag
lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
und was sie dir nicht offenbaren mag,
das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.
Johann Wolfgang v. Goethe
Vor kurzem fuhr ich von Garmisch nach Hause. Es war ruhig auf der Straße und ich freute mich über die Frühlingssonne im Karwendel. Dann sah ich diese Wolke. Trotz blauem Himmel der Schimmer der Regenbogenfarben. Ich blieb stehen, um diesen Zauber zu betrachten. Ich versuchte, zu fotografieren. Wie so oft konnte das Bild nur ein Fragment meines Empfindens abbilden. Dennoch erinnert mich das Bild an den Augenblick, in dem ich über das Phänomen des Farbenspiels gestaunt habe und gefreut habe, dass ich dieses Himmelsbild erleben darf. Ganz sicher gibt es naturwissenschaftliche Erklärungen, warum und wieso diese Wokenformationen entstehen. Ich denke dann belustigt an Ludwig Wittgenstein, einen österreichischen Philosophen: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt worden sind.“
Genau hier beginnt für mich der geheimnisvolle Trost, für den es kein Rezept gibt. Einmal ist es ein Naturschauspiel, das erfreut. Ein anderes Mal ein Lied, das wärmt oder ein Text, der mich stärkt. Beschenkt mich das Leben intensiv, dann ist es ein Mensch, der mich versteht und das meistens ohne Worte. Der Zauber des geheimnisvollen Trostes kennt keine Schablonen.
Das tröstende Geheimnis hat viele Gesichter – – doch es lässt sich nicht planen.

„Wir wissen nicht genug über uns selbst.
Ich denke, es ist besser zu wissen, dass man nichts weiß,
so kann man mit dem Geheimnis wachsen,
während das Geheimnis in einem wächst.
Aber heutzutage weiß natürlich jeder alles,
deshalb sind so viele Menschen so verloren.„
James Baldwin
Ich mag nicht nur das Wort Geheimnis. Besonders das tröstende Geheimnis befreit mich vor dem Anspruch, alles verstehen oder erklären zu müssen. Ich fühle mich im Geheimnisvollen wohler als in allen Bemühungen, Dinge zu ändern, die sich von mir trotz aller Mühe und trotz allem Verständnis nicht verändern lassen.
Mir begegnen zu oft Menschen, welche den normalen Alltag kaum mehr aushalten. Sie möchten für jedes Geschehen eine Erklärung und schlussendlich geben sie sich mit billigen Reduzierungen zufrieden. Manche lassen sich vom Verstand in die Überheblichkeit von Erklärungen verführen und reduzieren das Leben und Menschen auf lösbare Probleme. Diese einfache Denkweise will die Welt von allem Negativen und vor jedem Schicksal bewahren. Das Geheimnisvolle gehört nicht zu ihrem Lebensplan. Im Geheimnis wohnt das Vertrauen und die Zuversicht, jedoch nicht die Sicherheit. Im tröstenden Geheimnis wohnt nicht die eigene Kraft, um noch mehr von sich zu verlangen. Wo der Anspruch an die eigene Kraft mangelndes Vertrauen ins Leben ersetzt, wird die Selbstausbeutung gestärkt. Fehlt die Kraft zum Durchhalten, nehmen einige nicht mehr wahr, was gut tut und was tröstet. In solchen Momenten verlangen Menschen zu oft ein funktionales Maschinendenken von sich selbst. Das Bewusstsein, dass man als Mensch begrenzt ist, verschwindet. Maschinen funktionieren nach Programm auf Knopfdruck, eigene Wahrnehmung und persönliche Entscheidungen kennen technische Geräte nicht. Das Maschinendenken – wird es vom Menschen verlangt – gehört zum Banalen, das Hannah Arendt als das Böse bezeichnet,

„Wie das Böse im Menschen anscheinend nicht auszurotten ist,
wird auch das Postulat von ,Friede, Freude, Freiheit’ nie verstummen.
Das Paradies auf Erden gibt es nicht.
Aber vielleicht immer wieder ein wenig Himmel auf Erden.“
Erika Pluhar, Die Wahl
In dem ein Mensch von sich erzählt, kann ich ihm begegnen. Diese Begegnungsfähigkeit gilt auch für Biografien und in diesen Schriften entdecke ich immer wieder geheimnisvolle Kraftquellen. Tiziano Terzani war ein italienischer Journalist, der einige Bücher geschrieben hat, die heute noch ebenso aktuell sind wie vor zwanzig Jahren. Besonders sein Buch „Noch eine Runde auf dem Karussell“ ist eine Fundgrube von Geschichten und persönlichen Erfahrungen.
irgendjemand sein Spiel mit mir,
irgendeine geheimnisvolle Kraft,
der ich mich nicht entziehen durfte.
Es war, als verliefe alles nach einem geheimen Plan.
So ermutigen mich Gedanken von anderen zum „Mitspielen im Guten“.
Natalie Knapp gehört auch dazu. Sie lebt in Berlin und im Radiosender Ö 1 sprach sie am Sonntag, 29. März 2026 über Zeiten der Unsicherheit und wie wir lernen können, diese wertzuschätzen.
wie in der Liebe gleich geheimnisvoll.“
Im Lesen von anderen, entdecke ich Erfahrungen, die ich ohne die Gedanken anderer nicht gemacht hätte. Im Buch „Mein Leben mit Mozart“ beschreibt Eric Emmanuel Schmitt die unterschiedlichen Erfahrungen seiner Mutter und seiner Schwester mit der Musik von Mozart. Für ihn selbst war es eine „geheimnisvolle Liebe“.
„Auf so seltsamen, wirren Umwegen macht man große Erfahrungen, sie sind immer ungeordnet, einzigartig und begrenzt, auf unerklärliche Weise etwas Besonderes, für die einen Offenbarung, für die anderen reine Leere.
Demnach warst Du eine verzögerte Liebe auf den ersten Blick, Mozart.
Die Liebe auf den ersten Blick ist in der Kunst wie in der Liebe gleich geheimnisvoll.“

Das schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.
Albert Einstein
Geheimnis bedeutet auch, zu ahnen, dass es mehr gibt als den Augenblick.
„Ich will nicht in Übereinstimmung mit meiner augenblicklichen Kargheit bleiben und so erlaube ich mir die Trennung von mir selbst. Es ist der kleine Tanz der Zukunft, der reicher und menschlicher sein soll, als der Augenblick es ist.
Hoffnung heißt auch, in sich selbst mehr Reichtum zu vermuten, als schon erkennbar ist. So spiele ich das Spiel meines eigenen Reichtums, zu dem ich noch unterwegs bin.“ Fulbert Steffensky
Bei Reinhold Stecher fand ich in seinen „Werten im Wellengang“ das Interview mit dem Geheimnis.
Geheimnis: Es gibt viele Gelegenheiten, in denen das Herz auf die Suche geht. Ich erlebe bei den Menschen viele Grenzerfahrungen.
Interviewer: Natürlich weißt du viel mehr. Ich weiß nur, dass diese Sehnsucht nach Sinn und Geborgenheit in unserer Zeit auch große Psychotherapeuten bestätigen. Das hat mir Viktor Frankl noch in einem Brief vor seinem Tod geschrieben. Er war ein Leben lang auf der Spur dieser Fragen, die in die Unendlichkeit führen.
Glaubst du nicht, dass du für viele Menschen doch letztlich etwas Fremdes, Unheimliches, ja Drohendes bist? Vergiss bitte nicht, wir sind sehr angstgeprägte Lebewesen . . .